Schöne Ecken an Englands Mittellinie

27. Juni 2007, 17:00
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Manchester stellt man sich als Fabrik mit Fußballrasen vor. Produziert wird in den Backsteingebäuden aber nur noch lebendige Industriegeschichte

Er ist der Prototyp des Flügelstürmers, auch in den Minuten vor dem Spiel. Ryan Giggs, den Premier-League-Profi, zieht es in die Ecke. Kollege Christiano Ronaldo ist da weniger schüchtern. Bloß: Zu seiner Linken will trotzdem keiner sitzen. Wayne Rooney jedenfalls nicht. Also hat der einen zusätzlichen Garderobenhaken frei gelassen, und so befriedet nun ein halber Laufmeter Resopal das Knistern zwischen den Fußballstars.

Wenn zwei Alpha-Ballesterer aufeinander treffen, entsteht eine Lücke - auch das kann man in der Garderobe von Manchester United lernen. Wert auf Ordnung wird hier gelegt, nicht zuletzt auf Sitzordnung. Um einen Gag handelt es sich bei den im Stile von Kleiderbügel gestalteten Porträts der Kicker aber keinesfalls. Schließlich hat Jeffrey, der Guide der "Old Trafford Stadium Tour", nichts übrig für Gags. Dazu ist die ganze Sache zu ernst. Einer Religion begegnet man mit Respekt. Kultische Handlungen verlangen nach Rahmen und festem Regelwerk. Die fix vergebenen Plätze der erstaunlich schlichten Spielergarderobe minimieren da auch die Reibung zwischen den Egos eines Milliardenteams.

Guide Jeffrey weiß, wovon er spricht. Der Mann sieht aus wie ein Platzwart. Und wie ein - freilich schon vor Jahrzehnten gescheiterter - Fast-Profi-Kicker. Doch im Labyrinth der Old-Trafford-Gänge, tief in den Eingeweiden des berühmten Stadions, verwandelt er sich in eine Art Hohepriester. Macht seiner Klientel klar, dass die Pokale im ManU-Museum neben Reinigungspersonal vor allem auch Gralshüter brauchen.

Sämtliche Spielfelder

Auch für Normalsterbliche hält die "Stadium Tour" kompatible Programmpunkte bereit: Die ManU-Krabbelstube etwa, Arbeitsplatz der Vereins-Nannys zur Entlastung der Spielerfrauen. Oder die Kantine, an der sich die Stars pünktlich drei Stunden vor dem Spiel Kohlehydrate einschieben. Weit spektakulärer: das kurze Machtgefühl, das sich an den Pobacken einstellt, wenn die Teilnehmer der "Stadium Tour" in den weich gepolsterten Trainerstuhl des Sir Alex Ferguson sinken. Und schließlich der Höhepunkt: Knallrot und faltig ist die Schleuse, durch die man, vom Spielertunnel her kommend, das erste Mal das Flutlicht der Stadionmasten erblickt. Knallrot und faltig ist soeben auch der Hohepriester Jeffrey, zumindest sehr erregt. Er hatte davor gewarnt: Keiner nähert sich dem Rasen! Keiner! Nicht einmal er selbst würde es wagen.

Schließlich bringt der obligate Besuch bei Manchester United den wahren Fan über die betongraue Gebärmutter ihres Teams doch noch direkt in den Fußballhimmel: In einen Fanshop, der zumindest hinsichtlich der Ausmaße eine würdige Kathedrale für ManU-Reliquien darstellt.

Steinzeit verpasst

Aber mich brachte all das nicht wirklich weiter. Am allerwenigsten bei der Suche nach dem Mitbringsel, um das ich gebeten wurde: einen Stein aus Manchester. Wenn Elfjährige so bescheidene Wünsche äußern, darf man diese keineswegs ignorieren. Normalerweise sind von Reisen nach Englands zweitwichtigster Stadt ManU-Dressen nachgefragt. Doch der Stein war ein Problem. Denn Manchester ist eine exklusive Stadt aus Eisen und Ziegel und stolz auf Fabriksschlote, die hier zum Teil wie Campanile aufragen, und auf Fabriksfassaden einer einst in der ersten Industriestadt der Welt kursierenden Architekturmode.

1780 ging es los, mit Richard Arkwrights Baumwollspinnerei, die erst vor Kurzem unter einem zwischenzeitlich darüber entstandenen Parkplatz "ausgegraben" wurde. Ein Dorado für Industriearchäologen ist die Stadt mit den tiefen Ziegelschluchten und verschnörkelten Lagerhallen, die sich heute verstärkt in Lofts und Clubs verwandeln, dabei geblieben. Legendäres Studienmillieu für Friedrich Engels und die Wiege der Arbeiterbewegung ist sie gewesen. Später spaltete Rutherford hier erstmals das Atom, Studenten erfanden den Computer - "The Baby" hieß das 1948 entwickelte elektronische Gehirn. Ein Kind aus Manchester. Wie zuvor schon die Dampfmaschine und die 1830 eröffnete erste gewerbliche Eisenbahnstrecke der Welt nach Liverpool.

Vom ohnehin relativ kleinen Zentrum driftet man schnell in Richtung Vorstadt ab. Vorbei am sattgrünen Schweigen der moosigen Gräber neben der gotischen Kathedrale aus dem Jahr 1510. Erstaunt über die Geschichte des wegen des Baus eines Einkaufszentrums kurzerhand um hundert Meter versetzten ältesten Gebäudes der Stadt, des Wellington Inn.

Läuft wie geschmiert

Geht man wenig später die langen Werkshallen der Liverpool Road entlang, so verweisen eiserne Riesenzahnräder auf das Museum of Science and Industry - kein technisches Museum herkömmlicher Machart. Sondern eines, in dem statt der Leichenstarre der Eisenmonster lieber deren lebendiger Atem zelebriert wird. Die Museumswärter tragen hier blaue Overalls und Kännchen mit Öl, den Tierpflegern von Zoos eher verwandt als Wächtern der Muse, zumal ihr leichtes Drehen hier, ihr gefühlvolles Ölen da, all die Dampfmaschinen und Pumpen am Schnaufen und Röcheln hält.

Dass die Geschichte urbaner Kultur auch jenseits vom Alteisen weitergeschrieben wird, beweist Manchester bis heute - ungeachtet der Turbinen und industriearchäologischen Saurier, die hier und da an den Denkmalsockeln der Stadt auftauchen. Das urbaner Kultur gewidmete Urbis Museum steht dafür Pate, ein entspanntes Verhältnis, Neues ins Stadtbild zu integrieren, sowieso. Das beweist das Upgrading der Docks, wo neben städtischen Brachflächen eine moderne Wasserfront entstand: "The Quays", mit trendigen Café-Bars und einer futuristisch wirkenden Fußgängerbrücke über den River Irwell, mit dem spektakulären Bau des Kulturzentrums "The Lowry", und Daniel Libeskinds "Imperial War Museum North".

So nah am Wasser zeigt sich Manchester zuletzt von seiner intimsten Seite. Denn Kanäle sind die wahren Lebensadern der Stadt, seit im Zuge des 1761 erfolgten Ausbaus des Bridgewater-Channels ein gänzlich unabhängiges Wasserstraßennetz entstand, das bald auch die Zahnräder der Fabriken antrieb. Heute bieten die schmalen Uferwege Einblicke in die Hinterhöfe der industriellen Revolution. Vor allem aber beherbergen sie als brachial-urbaner Einschub Designerbars neben alten Schleusen, über die mitunter noch die Viadukte der Eisenbahn führen. Hier, ganz am Grund der Stadt, spuckt Manchester zuletzt sogar noch echte Steine aus: glatte, runde Kiesel, groß wie Proletarierfäuste, die hier vor gut zweihundert Jahren in den Zement von Castlefield gepresst wurden - wohl um den Menschen und Lastgäulen beim Verladen der Ware ein wenig vom vertrauten Halt zu bieten. (Robert Haidinger/Der Standard/Printausgabe/23./24.6.2007)

  • Blick hinauf zum Glockenturm der "town hall".
    foto: visitmanchester

    Blick hinauf zum Glockenturm der "town hall".

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