Nicht nur produzieren, auch engagieren

22. Juni 2007, 20:43
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Rektor Gerald Bast und Eva Diem, Vorsitzende der Hochschülerschaft, im Gespräch

STANDARD: Die Jahresausstellung der Angewandten ist heuer wieder Anlass, mit der Essenz des Hauses an die Öffentlichkeit zu treten. Was ist die Essenz einer Kunstuni?

Bast: "The Essence 2007" ist eine Gesamtschau der Arbeiten von Studierenden aus allen Studienrichtungen, die zeigen soll, was an der Angewandten für die Gesellschaft und dieses Land geleistet wird. Sie ist ein bewusster Schritt an die Öffentlichkeit, der uns auch deswegen sehr wichtig ist, weil im so genannten Kunstsystem ja einiges falsch läuft.

STANDARD: Zum Beispiel?

Bast: Man kann beobachten, dass die Entwicklung der Kunst in zunehmendem Maße vom ökonomisch orientierten Kunstbetriebskomplex gesteuert wird. Ich glaube, dass gerade die Kunstuniversitäten hier eine ganz wichtige Funktion haben, die noch viel zu wenig ausgereizt wurde.

STANDARD: Und was ist für die Studierenden die Essenz?

Diem: Ich verstehe unter der Essenz des Hauses das, was in den einzelnen Klassen in einem Jahr entwickelt wurde. Die Jahresausstellung fasst das alles zusammen und macht die hohe Produktivität der Angewandten nach außen hin sichtbar. Standard: Ist mit der Idee einer "Gedankenwerkstatt" auch die Absage an eine allzu leistungs- und marktförmige Kunstausbildung gemeint?

Bast: Ja, wir sind hier keine Produzenten von Produkten, sondern eine Ideenwerkstatt. Es geht darum, zu zeigen, dass eine Kunstuniversität eines der wenigen Reservate ist, wo es noch möglich ist, experimentell zu denken, ohne dass sofort der Markt zuschlägt. Es geht uns darum, eine Atmosphäre zu bieten, in der den Studierenden eine Entwicklung ermöglicht wird, und das passiert nicht über das Absolvieren einzelner Unterrichtsmodule, sondern das ist ein Prozess, der dialogisch funktioniert: zwischen den Studierenden und den Lehrenden, aber auch zwischen den einzelnen Studienrichtungen.

STANDARD: Die Ausstellung ist demnach nicht nur eine Leistungsschau, sondern auch eine politische Stellungnahme?

Bast: Ja. Die Kunstuniversitäten haben zwar den Auftrag, an der Entwicklung von Kunst, Architektur und Design mitzuwirken, aber sie haben auch den Auftrag, Teil des kulturellen Klimas dieser Stadt und dieses Landes zu sein. Die Ausstellung ist deswegen auch nicht als Leistungsschau konzipiert, sondern als eine Präsentation, die das Engagement des Hauses in seiner Gesamtheit in den Blickpunkt rücken soll.

STANDARD: Mit Edek Bartz kuratiert ein Experte die Schau, der die Mechanismen des Kunstmarktes sehr gut kennt. Worin liegen die Vorteile?

Bast: Er hat Erfahrungen im Kunstmarkt, kennt aber auch die Angewandte seit vielen Jahren. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, wenn man so jemanden im Haus hat.

Diem: Er scheint es aber auch selbst sehr zu schätzen, dass er hier seinen Gedanken freien Lauf lassen kann und aus dem "Kojen-Denken" der Messe ausbrechen kann. Die Objekte sollen hier ja ineinander übergehen und miteinander in einen Dialog treten. Letztes Jahr gab es da vonseiten der Studierenden noch Bedenken, heuer wird bereits klassenübergreifend gearbeitet.

STANDARD: Der neue Wissenschaftsminister, Johannes Hahn, wird die Jahresausstellung eröffnen. Was erhofft sich die Angewandte von ihm?

Bast: Es ist ein schönes Zeichen, dass der für die Kunstuniversitäten zuständige Minister die Ausstellung eröffnet. Das ist jahrelang nicht mehr passiert und für uns nun ein sehr hoffnungsvolles Zeichen, dass der Dialog mit den Kunstuniversitäten jetzt wieder aufgenommen wird. (cb/ SPEZIAL/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.06.2007)

  • Gerald Bast, Rektor der Uni für angewandte Kunst, und Eva Diem, Vorsitzende der Hochschülerschaft
    foto: standard/regine hendrich

    Gerald Bast, Rektor der Uni für angewandte Kunst, und Eva Diem, Vorsitzende der Hochschülerschaft

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