"Fast so viele Nahost-Experten wie Fußballtrainer"

6. Juli 2007, 11:15
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Antisemitismus-Forscher Schiedel über Israelkritik und Spaltungen der antirassistischen Bewegung

Ein fast manisches Interesse am Nahostkonflikt ortet Heribert Schiedel in Österreich: "Hier laufen fast so viele Nahost-Experten herum wie Fußballtrainer", meinte der Antisemitismusforscher vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) vergangene Woche im ZARA-Talk zum Thema "Rassismus und Antisemitismus"

Auf die Frage, ob sich hinter diesem großen Interesse an diesem Konflikt auch antisemitische Motive verstecken, antwortet er nur zögerlich. "Ich frage mich das auch immer wieder." Sein Fazit: In Österreich, "einem Land, in dem es während der NS-Zeit überdurchschnittlich viele Täter sowie Zu- und Wegschauer gegeben hat", könne man dies mitunter behaupten.

Schuldkomplex

Erklären lasse sich dies unter anderem damit, dass auch noch Generationen, die das NS-Regime selbst nicht mehr miterlebt haben, an einem Schuldkomplex litten. Der Nahostkonflikt erfülle hier die Funktion, von der "eigenen Schuld" zu entlasten. Die Opfer von damals als "Täter von heute": "Für Menschen mit Schuldkomplex und die gibt´s viele in Österreich, kann dies ungeheuer befreiend sein", so Schiedel.

Natürlich ist der Nahostkonflikt deutlich vielschichtiger als die hier unterstellte Schuldzuweisung an die Israelis. Auch das große Interesse daran lasse sich allein schon wegen der geopolitischen Bedeutung nicht allein auf antisemitische Motive reduzieren.

Islam

Zugleich lässt sich im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt eine neue Entwicklung beobachten. Seit den Anschlägen vom 11. September oder Ereignissen wie dem Karikaturenstreit sowie zuletzt der Debatte über Salman Rushdie hat die Beschäftigung mit "dem Islam" in Europa Hochkonjunktur. Nicht immer aber zeugt sie von einer differenzierten und vorurteilsfreien Auseinandersetzung. Ein Beispiel aus diesem Repertoire: Die Unterstellung, der Islam sei von Grund auf antisemitisch.

"Man darf nicht den Fehler begehen, den Islam anhand des Korans verstehen zu wollen", mahnt Schiedel zur Vorsicht. Amüsiert verfolge er Debatten, in denen sich neue Islam-ExpertInnen gegenseitig Zitate aus dem Koran an den Kopf werfen. "Auch beim Judentum kommt man nicht weit, wenn man es auf Basis der Thora oder des Talmud verstehen will. "Eigentlich eignen sich die Bücher nur für feindselige Interpretationen", so der Antisemitismusforscher. Eine Parallele, die zu denken gibt: Auch Antisemiten missbrauchen jüdisch-religiöse Texte für ihre eigenen Zwecke.

Spaltung

Schiedel warnt davor, die Opfer von Rassismus gegeneinander auszuspielen. Mit Sorge beobachte er eine Spaltung der antirassistischen Bewegung, die sich auch in Österreich vollziehe. Er selbst habe dies sogar am eigenen Leib erlebt: "Auch mich hat man versucht, als Rassisten zu denunzieren, weil ich es gewagt habe, auf den Antisemitismus in bestimmten islamistischen Milieus hinzuweisen sowie auf Verbindungen zwischen Neonazis und einzelnen islamistischen Gruppen", erzählt er. Im Kampf gegen die einen wie die anderen Vorurteile dürfe man sich aber nicht auseinander dividieren lassen.

Zugleich kritisiert er die Blauäugigkeit mancher AntirassistInnen, wenn sie davon ausgingen, weil sie AntirasistInnen seien, können sie gar keine AntisemitInnen sein. Womit auch gleich das nächste Kapitel eingeleitet ist, nämlich die Gratwanderung zwischen Israelkritik und Antisemitismus. Die Unterscheidung sei oftmals ausgesprochen schwer, vor allem komme es auf den Kontext an: "Eine bestimmte Aussage kann einmal antisemitisch sein und einmal nicht."

Ein gutes Beispiel dafür sieht Schiedel in der Forderung nach dem Rückkehrrecht aller palästinensischen Flüchtlinge nach Israel. "Diese Forderung für sich genommen ist nicht antisemitisch, sie kann in nicht feindlicher Absicht wohlmeinend gestellt werden." Stelle man sie aber im Wissen um die praktischen Folgen, nämlich das Ende Israels als jüdischem Nationalstaat, sei dies antisemitisch. Schließlich lässt sich der Bedarf an einem sicheren Staat für Juden nicht ohne den Holcaust denken, und schon gar nicht angesichts des auch nach Auschwitz weiter bestehenden Antisemitismus.

Drei "Ds"

Um zwischen Antisemitismus und Israelkritik unterscheiden zu können, gebe es insgesamt drei "Ds". Das Beispiel "Rückkehrrecht" falle unter das erste "D", nämlich die "Delegitimierung". Ebenso in diese Kategorie fällt die grundsätzliche Infragestellung des Existenzrechts Israels. Das zweite sei "Dämonisierung" oder "Diabolisierung", also die "feindselige Übertreibung". Als Beispiel dafür nennt Schiedel die Gleichsetzung von Israelis mit Nazis. "Damit wird außerdem die "Opfer-Täter-Umkehr zur Perfektion getrieben", fügt er hinzu.

Der Vorwurf des Völkermords an den Palästinensern sei ein anderes Beispiel: "Anhand der Bevölkerungsstatistik lässt sich dies relativ leicht widerlegen, denn die Palästinenser sind nicht weniger geworden, sondern mehr." Zweitens spreche dagegen, dass seit 1948 mehr Palästinenser durch arabische Hand gestorben seien als durch israelische: "Nämlich ungefähr drei Mal so viel."

Doppelte Standards

Das letzte "D" sind die "doppelten Standards", also dass auf Israel mit dem Argument "Die müssten es ja wissen" andere Maßstäbe angelegt werden als auf andere Staaten, zum Beispiel Russland: "Putin lässt Grosny bombardieren und es gibt in vier Tagen 30.000 Tote. Was passiert? Ein paar kleine Demos."

Die internationalen Reaktionen auf Israels Intervention in Jenin im Jahr 2002 seien in keinem Verhältnis dazu gestanden: "Israel geht rein, und fliegt nicht nur drüber. Dabei gibt es 50 Todesopfer, die Hälfte davon bewaffnet, und alle reden von 'Massaker', es gibt auf der ganzen Welt Demonstrationen und Anschläge. Wenn das kein doppelter Standard ist!" (Sonja Fercher, derStandard.at, 25.6.2007)

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