Essay: Der Schiller der Moderne

29. Juni 2007, 14:39
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Ein Welterfolg – und dann für die Schublade geschrieben:Zu Alfred Döblins 50. Todestag am 26. Juni

Wer sich selbst genügt, sei vor Döblin gewarnt", meinte Günter Grass 1967. Er machte in seiner Rede "Über meinen Lehrer Döblin" zu Recht auf einen Dichter aufmerksam, der nach seinem Tod zunehmend in Vergessenheit geraten war. Denn Alfred Döblin ist einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne. Döblin hat nicht nur den berühmten Großstadtroman Berlin Alexanderplatz geschrieben, sondern ein umfang- und facettenreiches Werk hinterlassen. Über 35 Bücher warten darauf, wieder entdeckt zu werden.

Geboren wurde Alfred Döblin 1878 in Stettin als Sohn jüdischer Eltern. Bald schon wurde er – wie er dies später selbst rückblickend empfand – aus dem Paradies seiner Kindheit vertrieben. Sein Vater betrog die Mutter mehrfach und verließ die siebenköpfige Familie. Sophie Döblin, die Mutter, war auf sich allein gestellt und zog mit der Familie zu ihrem Bruder nach Berlin. Obwohl die Familie arm war, konnte Döblin eine höhere Schule besuchen und schließlich (nach mehrmaligem Sitzenbleiben) sein Abitur absolvieren. Am 17. Oktober 1900 begann er in Berlin das Studium der Medizin, welches er in Freiburg mit einer Promotion abschloss. Doch schon während seines Studiums knüpfte Döblin Kontakte zur Berliner Boheme, schloss sich expressionistischen Zirkeln an und schrieb Erzählungen und erste Romane.

1911 ließ er sich im Berliner Osten als Kassenarzt nieder, heiratete und begann die sein Leben prägende Doppelexistenz als Arzt und Dichter: Er schrieb den chinesischen Roman Die drei Sprünge des Wang-lun und publizierte die expressionistische Novellensammlung Die Ermordung einer Butterblume. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 meldete sich Döblin als Freiwilliger, um der Einberufung zuvorzukommen, und wurde Militärarzt im Elsass. Auch hier schrieb er unermüdlich weiter, sodass in den Kriegswirren nicht nur der Roman Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine, sondern auch der monumentale historische Roman Wallenstein entstanden ist.

Nach Kriegsende kehrte er mit seiner Familie nach Berlin zurück und avancierte nach und nach zum wichtigsten Romancier der Weimarer Republik. Auf die Publikationen von politischen Satiren unter dem Pseudonym Linke Poot folgten der Zukunftsroman Berge Meere und Giganten und schließlich 1929 Berlin Alexanderplatz, ein Werk, mit welchem der Name Döblin bis heute untrennbar verbunden ist.

Döblins Montageroman, in welchem die "Geschichte vom Franz Biberkopf" entfaltet wird, wurde in kurzer Zeit zu einem Welterfolg. Döblin wurde als der Erneuerer des Romans überhaupt gefeiert. Allerdings währte der Ruhm nur kurz. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste Döblin Deutschland verlassen und emigrierte mit seiner Familie über die Schweiz und Frankreich in die USA. In Kalifornien fristete er ein Dasein in Einsamkeit und Vergessenheit: Die Familie lebte in ärmlichen und beengten Verhältnissen, Döblin beherrschte die englische Sprache nicht, musste schon bald von Sozialhilfe leben und schrieb, wie er dies selbst bitter konstatierte, für die Schublade. Seine Werke wurden nicht mehr wahrgenommen und fanden keine Verleger.

Aber Döblin wäre nicht Döblin, hätte er nicht während der gesamten Zeit des Exils unermüdlich weitergeschrieben: den burlesken Emigrationsroman Babylonische Wanderung, der 1934 noch im Querido-Verlag Amsterdam erscheinen konnte, seine große Amazonas-Trilogie und sein umfangreichstes Werk überhaupt: die Tetralogie November 1918, in welcher er sich die Frage stellt, ob ein Glücken der Revolution das Aufkommen des Nationalsozialismus hätte verhindern können. Doch das Werk konnte erst nach der Zeit des Exils erscheinen. Döblin zeigte sich zunehmend verbittert über sein öffentliches Verstummen: "[…] faktisch ist, seit ich hier bin, keine einzige Zeile von mir gedruckt; ich muß es wohl oder übel zur Kenntnis nehmen, daß ich hier gänzlich fehl am Platze bin. – Aber auch diese Zeit wird vergehen, – und vielleicht überlebe ich sie."

1945 kehrte Döblin als einer der ersten Emigranten wieder in das besetzte Deutschland zurück: "Ich bin am Ziel. Am Ziel: an welchem Ziel? Ich wandere mit meinem Koffer durch eine deutsche Straße. […] Ich fahre zusammen: man spricht neben mir deutsch. Daß man auf der Straße deutsch spricht! Ich sehe nicht die Straßen und Menschen, wie ich sie früher, vorher sah; auf allen liegt wie eine Wolke, was geschehen ist und was ich mit mir trage: die düstere Pein der zwölf Jahre. Flucht nach Flucht. Manchmal schaudert’s mich, manchmal muß ich wegblicken und bin bitter. Dann sehe ich ihr Elend und sehe, sie haben noch nicht erfahren, was sie erfahren haben. Es ist schwer. Ich möchte helfen."

Döblin wollte in der Tat im Nachkriegsdeutschland helfen. Er arbeitete als Kulturbeauftragter bei der französischen Besatzungsmacht, wobei seine Aufgabe nicht nur in der Zensur von geplanten Publikationen bestand, sondern auch in der Herausgabe der literarischen Monatsschrift Das goldene Tor. Aber schon bald merkte er, dass er nicht mehr als der Döblin wahrgenommen wurde, der 1933 Deutschland verlassen hatte. Er konnte an seine Erfolge nicht mehr anknüpfen. Dies hatte vielfältige Gründe.

Auf Unverständnis stießen insbesondere die Tatsachen, dass er und seine Familie 1941 zum Katholizismus konvertiert waren und dass Döblin nach 1945 in der Öffentlichkeit stets in einer französischen Militäruniform auftrat. Doch es gab auch tiefer liegende Gründe. Denn Döblin schrieb nach 1945 keine Trost- und Erbauungsliteratur, sondern bohrte in Wunden, die man in der deutschen Öffentlichkeit gerne verbunden sehen wollte. So stellt Döblin in seinem bereits im amerikanischen Exil begonnenen Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende die Frage nach dem Entstehen des Krieges und der Verantwortlichkeit für die Kriegstoten – wobei ihn hier auch insbesondere die Trauer über den Tod seines eigenen Sohnes Wolfgang veranlasste. Wolfgang Döblin, ein promovierter Mathematiker, kämpfte als französischer Soldat im Zweiten Weltkrieg und nahm sich in einer Scheune des kleinen Vogesendorfes Housseras am 21. Juni 1940 das Leben, um der deutschen Gefangenschaft zu entgehen. Seine Eltern erfuhren erst 1945 von seinem Tod.

Döblin fand jedoch keinen Verleger für seinen Hamlet-Roman. Erst 1956 konnte er in einem Verlag der DDR erscheinen. Seine Rückkehr nach Deutschland missglückte: Hinterfragende und kritische Dichtung eines konvertierten Juden in einer französischen Uniform – Döblin musste wohl nach 1945 an den restaurativen Tendenzen der jungen Bundesrepublik Deutschland scheitern. Er und seine Frau entschlossen sich zu einer erneuten Emigration und verließen Deutschland 1953. Das Ehepaar lebte wieder in Paris. Döblins letzte Lebensjahre sind geprägt von Krankheiten und zahlreichen Klinik- und Sanatoriumsaufenthalten, die ihn immer wieder nach Deutschland führten. Am 26. Juni 1957 stirbt Alfred Döblin im Landeskrankenhaus in Emmendingen. Beerdigt wurde er – seinem Wunsch entsprechend – neben seinem Sohn auf dem kleinen, einsamen Kirchenfriedhof in Housseras. Seine Frau folgte ihm bereits wenige Wochen später. Sie nahm sich am 15. September 1957 in Paris das Leben. Auch sie wurde im gemeinsamen Grab in Housseras bestattet.

Und heute? Welche Bedeutung hat der einst Weltruhm genießende Döblin? Nach seinem Tode geriet er in Vergessenheit, aus welcher ihn erst Günter Grass mit seiner anfangs zitierten Rede befreien konnte. So wurde man nach 1967 wieder aufmerksam auf Döblin und sein Werk. Doch auch wenn die Wissenschaft in den folgenden Jahren auf Entdeckungsreise ging, so muss man im Jahre 2007, fünfzig Jahre nach Döblins Tod, immer noch feststellen: Döblin ist in der lesenden Öffentlichkeit nicht angekommen. Seine Werke werden kaum noch gelesen – wenn man einmal von Berlin Alexanderplatz absieht. Seit 1965 wurden auf dem deutschen Buchmarkt 1,3 Millionen Taschenbuchausgaben von Döblin verkauft, doch davon waren eine Million Exemplare von "Berlin Alexanderplatz". Besteht somit wenigstens mit dem Gedenkjahr 2007 eine Hoffnung auf eine Döblin-Renaissance? Gewiss, es gibt zahlreiche neue Publikationen (von Neueditionen über eine Döblin-Biografie bis hin zu einem Döblin-Geschenkbuch), eine Döblin-Nacht wurde in der Berliner Akademie der Künste mit prominenter Besetzung veranstaltet, und im deutschen Fernsehen wurde eine Dokumentation über Döblin ausgestrahlt. Ein reicheres und vielfältigeres Werk als Döblin hat kaum ein anderer Dichter des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Aber vielleicht liegt ja auch vor allem darin das Hindernis. Döblin, der Schiller der literarischen Moderne, will einfach in keine Schublade passen. Doch wie dem auch sei – sein Werk ist es wert, gelesen zu werden zu werden. Den Leser wird es belohnen. (Oliver Bernhardt, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.06.2007)

Auch filmisch ist Franz Biberkopf immer noch präsent. Hier in Rainer Werner Fassbinders Berlin-Alexanderplatz-Serien-Verfilmung zu Beginn der 80er-Jahre. Soeben erschien dazu bei Schirmer/Mosel ein hervorragend edierter, schöner Bildband (€ 70,–), aus dem unsere Abbildung stammt.

Oliver Bernhardt lebt als Dozent und Literaturwissenschafter in Heidelberg (Deutschland) und schrieb eine im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienene Döblin-Biografie.
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    Auch filmisch ist Franz Biberkopf immer noch präsent. Hier in Rainer Werner Fassbinders Berlin-Alexanderplatz-Serien-Verfilmung zu Beginn der 80er-Jahre. Soeben erschien dazu bei Schirmer/Mosel ein hervorragend edierter, schöner Bildband (€ 70,–), aus dem unsere Abbildung stammt.

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