Alles Insel

29. Juni 2007, 14:39
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Andrea Levys Bestseller über die englische Art des Glücks

In Small Island von Andrea Levy ist jede Existenz eine schmale Insel. Im Prolog sieht die kleine Engländerin Queenie einen "Afrika-Mann" als Exponat der Empire-Ausstellung und als Prinz, da er mit ihrer Sprache gelernt haben müsse, "sich zivilisiert zu benehmen". Es folgt ein Kulturschock der (aus europäischer Sicht) ungewöhnlichen Art: Aus den Kolonien gelangt eine junge Frau in die Metropole, in die sie sich zu ihrem bildungsbürgerlichen Lebensglück hinsehnt, und scheint in dieser feuchtkalten, schmutzigen Weltstadt ins Leere zu reden. In feiner Dichtkunst eines großartigen ersten Kapitels weist kein erzählerischer Zeigefinger auf die zwei Welten, die hier nicht zusammenkommen, dies erschließt sich vielmehr aus Fragen, Antworten, Gesten. In Kingston – Jamaika war noch nicht unabhängig – wurde Hortense zur Lehrerin ausgebildet, an Shakespeare geschult. Als sie in London landet, versteht man sie kaum, und dies bleibt keineswegs ihre einzige Enttäuschung. "Leben so die Engländer?", seufzt sie immer wieder.

Man schreibt 1948. Zur Verteidigung einer Freiheit waren dunkelhäutige Männer aus allen Weltgegenden Seiner Majestät in den Krieg gezogen, in der Meinung, danach würde sich auch ihre prekäre Lage bessern. Allerdings mussten sie bald feststellen, dass sie an der Seite von Rassisten gegen Rassismus und Totalitarismus kämpften. Spätestens nachdem sie die Uniform abgelegt hatten, und besonders wenn sie dann einen Platz im "Mutterland" suchten, sahen sie sich als Menschen zweiter Klasse vom Bürgersteig gewiesen. Jene bittere Erfahrung traf die Untertanen der Kolonialmächte dort und da – in Frankreich führte dies kürzlich der Film Indigènes drastisch vor Augen.

Auf der anderen Seite des Kanals stehen Geschichten und Folgen der Kolonialzustände, die neuen Migrationen und das Leben in einer derart gemischten Gesellschaft schon länger auf dem literarischen Programm, etwa von Rushdie oder Kureishi, neuerdings von Zadie Smith und Andrea Levy, die beide jamaikanische Wurzeln haben. Levys 2004 publizierter Roman Small Island ist im Angelsächsischen ein Bestseller sondergleichen und nun unter dem weniger ansprechenden Titel Eine englische Art von Glück auf Deutsch erschienen.

Aus wechselnder Perspektive und in je eigenem Duktus erzählt Andrea Levy die Schicksale eines farbigen und eines weißen Paares, ihr Aufeinandertreffen im London des Jahres 1948 und ihre Vorgeschichten. Sie sind zwar verheiratet, leben jedoch auf den weit auseinander liegenden Inseln ihrer Persönlichkeit. Nach einer unglücklichen Liebe zu ihrem Cousin hat Hortense schnell Gilbert geehelicht, der bei der Royal Air Force gedient hatte, um mit ihm in die Weltstadt zu gelangen. Und auch für Queenie war die Verbindung mit Bernard, der dann im Krieg aus Burma kein Lebenszeichen mehr gibt, eine Flucht.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Levy facettenreiche Geschichten mit bemerkenswerten Nebenfiguren, von der Verachtung für die Einwanderer und von Lebensträumen, von deutschen Luftangriffen und von einer Reihe großer wie kleiner Katastrophen, von Geschlechterkämpfen und von Liebesansätzen. In der Mitte des Romans trifft Gilbert im Hafen von Kingston die schockierende Erkenntnis, dass "auch wir Jamaikaner, Mann, bloß kleine Insulaner waren"; und später bemerkt Queenie: "Wir lebten auf einer Insel, um Himmels willen, da war doch überall woanders schon Übersee."

Andrea Levy ist ein packender, vielschichtiger Roman gelungen, der in den unterschiedlichen Sprachformen je verschiedene Lebenswelten und Vorstellungen zusammenstoßen lässt. In eindringlichen Szenen schafft sie konzentrierte Bilder von existenziellen Unpässlichkeiten sowie von gelegentlichen Glücksmomenten, die angesichts dieser Bedingungen immer nur "eine englische Art von Glück" bleiben. Dazu gehören tragikomische Auftritte wie jene von Hortenses Ankunft in London und in Gilberts schäbigem Zimmer, wo in einer unaufdringlichen Kettenreaktion schwarzen Humors einfach alles schief geht, oder jener der gewaltigen Schlägerei zwischen farbigen und weißen Soldaten, die tödlich endet. Dabei spielt überall die Sprache eine wesentliche Rolle, sie ist Identitätsausdruck und Redensart, Kampfmittel und Abwehrform. Im Kino müssen die farbigen Soldaten ganz hinten sitzen, von vorne grölt ein GI auf Gilbert ein: "Steh auf, Nigger", aus den letzten Reihen antwortet ein Chor "Wen nennste Nigger? Wen nennste Nigger?", und so fliegen die Sätze hin und her, kommen Antworten "wie ein Schlag", bis die Fäuste fliegen.

In seinem knappen Nachwort erklärt Bernhard Robben, dem eine geglückte Übertragung zu verdanken ist, wie Andrea Levy jede der vier Erzählstimmen mit einer eigenen Maske versehen hat, kommen doch viele Verwicklungen der Geschichten aus den sprachlichen Eigenarten und deren Kommunikationsfallen. Hortenses Wortwahl zielt ins Höhere ("dies ist doch gewisslich sein Domizil", fragt sie vor Queenies verlottertem Haus, in dem Gilbert ein scheußliches Zimmer bewohnt), mit dem Ärger kommt der Slang durch. Er ist das bevorzugte Idiom von Gilbert, der aus seiner Air-Force-Erfahrung her entsprechend zu erzählen versteht – in Yorkshire rufen zur Kriegszeit Kinder, die ihm nachlaufen: "It speaks, Mummy, it speaks". Queenie wächst als Tochter eines Schlachters auf dem Land auf und äußert sich in einem durch ihr Stadtleben gemäßigten Cockney; Bernards Duktus ist der knappe kommandohafte Ton eines Bankbuchhalters und Soldaten.

Für das mit Patois durchsetzte Englisch der jamaikanischen Stimmen und für das Cockney schuf Robben eine Kunstsprache mit Wortverschleifungen und "undeutlich an Rap erinnernden Rhythmen", die diesen großen Roman, der am Ende nur etwas zu rührselig wird, auch auf Deutsch zu einem ebenso lustvollen wie tiefsinnigen Leseerlebnis machen. (Klaus Zeyringer, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.06.2007)

Andrea Levy, "Eine englische Art von Glück". Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. € 23,60/554 Seiten. Eichborn, Frankfurt/Main 2007.
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    cover: eichborn
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