Die hörbare Stille des Schnees

29. Juni 2007, 14:39
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Über das Große im Kleinen: Gerhard Meier ist 90, endlich liegt sein Werk in einer Neuausgabe vor

Es muss vor ungefähr acht Jahren gewesen sein. Eine kleine Stadt in der Westschweiz, alles ist aufgeräumt und schön. Goethe kam hier vorbei, Casanova soll wegen der Schönheit der Frauen ein bisschen länger geblieben sein und etwas später drehte Sophia Loren hier einen Film. Beim besten, weil einzigen Herrenausstatter der Stadt steht ein älterer Mann mit römischem Gesicht, aber nicht mit dem Antlitz eines Legionärs, sondern eines Bauern, mit scharf nach unten gezogener Nase und kleinen, flinken, sehr blauen Augen. Der 82-Jährige leistet sich zum ersten Mal im Leben einen Boss-Anzug und lässt ihn sich anpassen. Ein Hosenbein muss gekürzt werden, was sofort erledigt wird, nur ist es dann leider das falsche. Der Mann findet das lustig, die Boss-Herren eher nicht und sehen sich vielsagend an. Nach Namen und Adresse gefragt, antwortete der alte Herr: Gerhard Meier, Gerhard-Meier-Weg 1 in 4704 Niederbipp. Wohnhaft also in einem Dorf in der Nähe. Gerade war ihm der mit 35.000 Mark dotierte Heinrich-Böll-Preis zugesprochen worden, so wie vorher schon der Petrarca-, Fontane-, Hesse- und Kellerpreis.

Andernorts wäre Gerhard Meier wahrscheinlich zu so etwas wie einem Literaturstar geworden, zu einer grauen Eminenz sowieso. Doch nicht so in der Schweiz und nicht Meier, der einer der Stillen der deutschsprachigen Literatur geblieben ist, einer zwischen den Stühlen, am Rand. Für ihn sowieso die einzige anständige Position, die es gibt. "Viele meiner Kollegen waren Macher. Und Gemachtes ist leichter nachzuvollziehen. Ich war ein Wesen, das aus der Müdigkeit kam ... Während viele meiner Kollegen Flüsse ausmaßen, Seen, Tiefebenen, Historienbilder, Häuser und Herzen, ... schwang ich mich auf den schwarzen Schimmel, um hinter die sieben Berge zu entkommen, ... denn auf dem schwarzen Schimmel zu reiten – sei Kunst, sagte unsere Enkelin, als sie fünf, sechs Jahre alt war", schreibt er in seinem Roman Land der Winde (1990).

Es gab Zeiten, da hat auch Meier ausgemessen, nämlich am Fließband in der Lampenfabrik seines Heimatdorfes, in der er 33 Jahre gearbeitet hat. Eine Zeit, in der Meier, wie er in einem Interview einmal sagte, auf das Schreiben verzichten musste, wie ein Alkoholiker auf den Schnaps. Doch was bringt einen, der dieses Drängen in sich hat, dazu, nichts zu schreiben? Armut bringt ihn dazu, sagt Meier. Die drei Kinder mussten mit dem kargen Lohn versorgt werden, nebenher betrieb man eine Angorahasenzucht und pflanzte Gemüse an, das auf dem Markt verkauft wurde. Erst nach einer schweren Krankheit wählte Meier als 54-jähriger Debütant den Beruf, in dem man immer Anfänger bleibt, den Beruf des Schriftstellers. Das kam im Dorf nicht überall gut an, auch weil seine Frau am Bahnhofskiosk arbeiten musste, damit wenigstens etwas Geld ins Haus kam.

Die Lampenfabrik übrigens, in der Meier drei Jahrzehnte lang litt, kommt in seinem mittlerweile 14 Bücher umfassenden Werk mit keinem Wort vor. Im Roman Der schnurgerade Kanal (1977) gibt es aber einen malenden Kohlekumpel: "Dieser Kumpel malte nicht etwa Kohlehalden, Kumpel, Rollwagen oder gar die Zeche als Ganzes, sondern ganz anderes: Dahlien zum Beispiel, überhaupt kleine Gärten, Häuser, Mädchen, Wolken, Weiden, Luft – den schnurgeraden Kanal." In diesen Sätzen schwingt so etwas wie Meiers poetisches Credo mit. Gegenwelt zur Welt, heißt die Devise. Eine Gegenwelt, oder ein Universum, in dem, wie Meier sagt, das "Pathos des Gewöhnlichen" und die "Dramatik des Undramatischen" die tragende Rolle spielen. Angefangen hat alles mit der kleinen Form, mit der Gedichtsammlungen Das Gras grünt (1964) und Im Schatten der Sonnenblumen (1967), in der er "Einem Kind" ein Gedicht widmet: "Wirst dir einige Figuren zulegen/ Hans im Glück/ zum Beispiel/ Mann im Mond/ St. Nikolaus/ zum Beispiel/ und lernen/ dass die Stunde sechzig Minuten hat/ kurze und lange/ dass zwei mal zwei vier ist/ und vier viel oder wenig/ dass schön hässlich/ und hässlich/ schön ist/ und/ dass historisches Gelände/ etwas an sich hat. Zuweilen/ sommers oder so/ begegnet dir in einem Duft von Blumen/ einiges dessen/ was man Leben nennt/ Und du stellst fest/ dass/ was du feststellst/ etwas an sich hat".

Anfang der 1970er-Jahre begann Meier dann, erste kurze Prosa zu schreiben, blieb der Lyrik aber weiter treu. Zahlreiche Bilder und Motive, die sich später wie eine rote Linie durch Meiers Werk ziehen, sind in diesen ersten Texten angelegt. Die Maßliebchen (Gänseblümchen) und die Schwalben, die Schmetterlinge und die Schneeflocken, die Bäume, die Gärten – und der Mikrokosmos des Dorfes. Dieses Dorf, Niederbipp, in dem er geboren wurde und heute noch lebt, in dem seine aus Rügen stammende Mutter starb und wo der Vater als Irrenhauswärter in Zürich meist abwesend war, worüber das Kind nicht allzu unglücklich gewesen sein soll, ist Meiers Konstante. Zweifellos ist Niederbipp ein Kaff, aber es ist Meiers Universum. Amrain nennt er es in seiner Romantetralogie Baur und Bindschädler (bestehend aus den Romanen Die Toteninsel(1979), Borodino (1982), Die Ballade vom Schneien (1985) und Land der Winde (1990)), aber natürlich ist Amrain nicht Niederbipp, es ist eine Vision, ein poetischer Ort, wie Prousts Combray oder Tolstois Jasnaja Poljana. Alles, was in Combray, Jasnaja Poljana und Amrain geschieht, geschieht auch in der Welt.

Doch wovon handelt diese Romantetralogie, die Meier – jedenfalls unter Autoren und Literaturliebhabern – zu einer gewissen Bekanntheit verhalf? Eigentlich von nichts, und doch von allem. Es geht um die Freunde Baur und Bindschädler, die in der Toteninsel durch eine kleine Stadt und in Borodino durch Amrain spazieren. In Die Ballade vom Schneien begleitet Bindschädler Baur durch seine letzte Lebensnacht, in Land der Winde besucht er dessen Grab und hört den Toten zu. Jedes Buch spielt an nur einem Tag.

Und immer ist es Bindschädler, der meist in indirekter Rede wiedergibt, was Baur sagt, über das Leben, über Selbstmörder und Landstreicher, darüber, wie einer wird, was er ist, über Lektüren, Chopin, Robert Walser, Schostakowisch und Rothko, über Martini-Sömmerchen und die hörbare Stille des Schnees, über den Wind auf Rügen, das Sternbild der Jagdhunde, über Vermont und die russische Tundra. Es ist viel Welt in der scheinbaren Provinz von Amrain und all das wird mit langem Atem, immer wiederkehrenden Sätzen und kreisenden Motivketten erzählt. Langweilig? Keineswegs. Kierkegaard hat einmal gesagt, die Wiederholung sei die Kategorie, die es zu entdecken gelte, Meiers Werk redet davon. Doch man muss diese Bücher selbst lesen, Peter Hamm meinte, die Frage, wovon Gerhard Meiers Romane handeln, sei so unbeantwortbar, wie es unmöglich wäre, ein Musikstück nachzuerzählen. Und in der Tat ist Meier ein unvergleichlicher, musikalischer Schriftsteller, dessen Sätze innere Kerker spalten können.

Seit dem Tod seiner Frau ist Meier nahezu verstummt, ein kleines Bändchen, Ob die Granatbäume blühen, hat er 2005 noch publiziert. Das Büchlein ist dem Gedenken an seine Frau, mit der er 60 Jahre verheiratet war, gewidmet: "Es gibt Tage, wo ihr zurück möchtet, ihr dort oben, zurück zu euren Häusern, Gärten, Lieben. Dann steh’n für gewöhnlich Herbstzeitlose herum, ... Und manch einer wundert sich, dass so viel Heimweh so viel Schönheit zeitigt." Schönheit ist ein wichtiges Wort in dieser Literatur – und Gnade. Vergangenen Mittwoch hat Gerhard Meier, der große Autor aus der kleinen Ortschaft, dessen Werk das alte Vorrecht der Literatur bestätigt, aus Armut Reichtum, aus Schwäche Kraft und aus einem Hauch einen Sturm machen zu können, in Amrain, Verzeihung Niederbipp, seinen 90. Geburtstag gefeiert. (Stefan Gmünder, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.06.2007)

Gerhard Meier, "Baur und Bindschädler. Amrainer Tetralogie". Vier Bände im Schuber. € 32,–/547 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2007.
Gerhard Meier, Werner Morlang, "Das dunkle Fest des Lebens. Amrainer Gespräche". € 32,90/543 Seiten. Zytglogge-Verlag, Oberhofen 2007.
  • Das Hinfällige, Vergängliche und Tage von entsetzlicher Schönheit, an denen man Birken zählen gehen möchte bis an die Ränder Russlands: Gerhard Meier, hier auf seinem Hausberg, dem Jura.
    foto:isolde ohlbaum

    Das Hinfällige, Vergängliche und Tage von entsetzlicher Schönheit, an denen man Birken zählen gehen möchte bis an die Ränder Russlands: Gerhard Meier, hier auf seinem Hausberg, dem Jura.

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