Krimischiene: Ministersterben und Verwirrspiele

29. Juni 2007, 14:39
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Illka Remes: "Blutglocke" - Rainer Martin Mittl: "Brüderchen komm stirb mit mir" - Simone van der Vlugt: "Schattenschwester" - Gabriele Wollenhaupt: "Grappa und die Nackenbeißer"

Ministersterben

Mit heimatlichem Zores in der finnischen Landschaft gibt sich Illka Remes nicht zufrieden. Er ist der Mann fürs Grobe und Globale, und wie so oft bei skandinavischen Krimiautoren kommt das Böse aus dem Osten. Diesmal in Gestalt eines russischen Mafiabosses mit Mama-Komplex, viel Geld und in Tschetschenien aufs Töten trainierten Gefolgsleuten. Hinzu kommt eine russische Biotechnologin, die im Westen Karriere machen möchte und als Einstandsgeschenk mutierte Viren mitbringt. Dem Russen geht es nicht um Geld, er will Macht, und die kriegt man durch Terror. Erst einmal wird der deutsche Innenminister bei einem EU-Gipfel in Finnland ermordet, dann der deutsche Umweltminister unter Druck gesetzt. Remes klotzt mit Katastrophenszenarien: Blutglocke (Deutsch: Stefan Moster, € 15,–, dtv) ist ein Actionthriller, der sich an herkömmliche Schemata hält.

Verwirrspiele

Keine Ahnung, ob Baden tatsächlich so ein aufregender Landstrich ist, dass man eine Krimiserie danach benennen müsste. Wie dem auch sei, es gibt die Reihe "Der Badische Krimi", und Rainer Martin Mittl bemüht sich, die Atmosphäre in und um Mannheim in den Griff zu bekommen. Die Kalamitäten des Kommissars Kindlein beginnen mit einer verstümmelten Leiche. Bald darauf folgt noch eine, die nahezu identisch aussieht. Brüderchen komm stirb mit mir (€ 9,30, Emons Verlag) ist die verzwickte Geschichte einer sorgfältig geplanten Rache an einem Macho. Mittl gestaltet die Auflösung des Verwirrspiels ein wenig zu kompliziert, gegen Ende zieht sich das Ganze etwas; dass der Frauen-nicht-Versteher Kindlein vielleicht doch noch eine allerletzte Chance bei seiner Nachbarin erhält, stimmt nach all dem fleischhauermäßigen Gemetzel leicht optimistisch.

Zwillingsperspektiven

Eine Lehrerin wird in ihrer Schule von einem türkischen Schüler angegriffen und massiv bedroht. Wenig später wird die Lehrerin erschossen. Ihre Zwillingsschwester versucht herauszubekommen, wer der Mörder ist. Simone van der Vlugt schildert in ihrem lebensnahen Krimi Schattenschwester (Deutsch: Eva Schweikart, € 20,60, Diana) die Parallel-welten in einer multikulturellen Gesellschaft. Alle scheinen überzeugt, dass der türkische Jugendliche die Tat begangen hat, und dass man ihn nur aus Mangel an Beweisen nicht einsperren kann. Doch allmählich scheint nichts mehr so klar zu sein. Hat jemand die Attacke als Tarnung benutzt, um die Frau aus dem Weg zu räumen? Ist unterschwellige Geschwisterrivalität ein ausreichend starkes Mordmotiv? Abwechselnd aus der Sicht der Zwillinge erzählt, bietet der Text alles, was ein guter Psychothriller braucht.

Giftspritze

Vor diesem Job graut es Maria Grappa: Ihr Chefredakteur hat ihr befohlen, eine Homestory über die Kitschromanschreiberin Lilo von Berghofen zu schreiben. Grappa macht sich widerwillig zur Villa der Dame auf und findet eine Tote. Außerdem hat der Chefredakteur Grappa angelogen, was seine Beziehung zu Lilo angeht. Zu allem Überfluss hat Lilo ihn als Erben eingesetzt, was ihn verdächtig macht. Grappa findet heraus, dass die Dame, die zur deutschen Rosamunde Pilcher hochgepuscht werden sollte, nicht nur elendiglichen Mist geschrieben hat, sondern auch als Hexe tätig gewesen ist und Brisantes im Safe gebunkert hat. Gabriele Wollenhaupt ist eine amüsante Giftspritze. Mit Schwung, Sarkasmus und ohne überflüssige Bedeutungsschwere spult sie eine einfache, aber hübsch arrangierte Story ab, ideal für den Urlaub (Grappa und die Nackenbeißer, € 20,60, grafit).

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    cover: dtv
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