Urlaubsflirt und Schattenliebe

9. Oktober 2007, 14:59
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Wir sind genetisch auf Untreue programmiert – ist unser Modell der lebenslangen Treue Selbstbetrug? Die Psychotherapeutin Gerti Senger im Interview

derStandard.at: Jeder weiß, dass Treue eine wünschenswerte Utopie darstellt. Warum halten wir an dieser fest?

Senger: Es ist ein Wunschdenken. Alle Umfragen, die zum Thema Treue gemacht wurden kommen zu dem Ergebnis: Man wünscht sich Treue, man empfindet Treue als Wert und verbindet diese mit "Liebe". Aber der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Und deshalb ist es tatsächlich so, dass der Treuewunsch oft eine Utopie bleibt.

derStandard.at: Lässt sich die Utopie in Zahlen darstellen?

Senger: Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass jeder Zweite irgendwann in seinem Leben das Treuegelübde bricht. Und gerade jetzt, während wir uns unterhalten sind alleine 1,8 Millionen Österreicher in eine kurzfristige Außenbeziehung verstrickt.

derStandard.at: Sind mehr Männer als Frauen untreu?

Senger: Nach wie vor sind es mehr Männer. Früher war ein großer Unterschied im Untreueverhalten. Das ist heute nicht mehr so, sondern hat sich ziemlich angenähert. Auch Frauen sind heute auf Außenreize ansprechbar. Das Bild der "Unnahbaren" gibt es nicht mehr.

derStandard.at: Sind Umfragewerte in diesem Bereich verlässlich? Könnte es nicht sein, dass Männer dazu neigen sich mit einem Seitensprung zu schmücken, während Frauen diesen vielleicht eher verheimlichen?

Senger: Grundsätzlich ist es natürlich so, dass die absolute Wahrheit nicht zu erwarten ist: Denn einerseits ist ein Seitensprung nach wie vor ein Tabu, andererseits aber auch die Möglichkeit zur optimistischen sexuellen Selbstdarstellung.

Aber es gibt seriöse, große Untersuchungen, die tendenziell zu den gleichen Werten kommen. Insofern kommt man durch Vergleichswerte zu haltbaren Ergebnissen.

derStandard.at: Spielt der Sommer und die Reisezeit tatsächlich eine Rolle im Bezug auf Untreue?

Senger: Der Urlaub ist sicher ein "Gefahrenmoment", da man sich plötzlich in einem aus dem Alltag herausgehobenen "Ausnahmezustand" befindet, wo andere Gesetze und Regeln gelten. Und da wird auch mit dem "Treuegesetz" eher gebrochen.

derStandard.at: Wenn es dazu kommt: Wie geht man als Betrogener oder Betrüger mit der Situation am besten um?

Senger: Wenn es eine flüchtige Geschichte irgendwo auf einem Tauchboot war, mit einem Menschen, den man nie wieder sieht, dann ist es fraglich ob so ein Abenteuer erzählt werden soll. Ich bin da eher nicht dafür.

Es ist aber unbedingt notwendig einen Seitensprung auf den Tisch zu legen, wenn dadurch sehr viel Unruhe entsteht. Wenn das Thema weiter in den Beziehungsalltag hineinspielt. Wenn man sich noch einmal trifft, SMSe schickt und Emails schreibt und das so hin und her geht. Dann war es kein kurzfristiges Unterbrechen einer Treuebindung.

Das muss dann auf den Tisch. Sonst hat der Betrogene, der ja nichts weiß, keine Chance richtig zu kämpfen, um den "Abtrünnigen" wieder für sich zu gewinnen. Hier die "Untreue –Gene" dafür verantwortlich machen erscheint mir ein bisschen wenig.

derStandard.at: Gibt es bei längeren "Schattenbeziehungen", so wie in anderen Lebensbereichen auch, die klassischen Opfer-Täterrollen?

Senger: Wir, Doktor Hoffmann (Anm.: Walter Hoffmann, Psychoanalytiker und Klinischer Psychologe) und ich, haben uns fast drei Jahre mit der Thematik beschäftig und folgendes herausgefunden: Es sind fast keine Schattenmänner auffindbar. Es sind immer die Frauen, die in die Rolle geraten zu warten, zu leiden, zu hoffen und sich zurück zu ziehen. Die Frauen beginnen sogar zu lügen. Wenn Männer in Schattenbeziehungen leben, dann ist das meistens in ausgewogenen Verhältnissen: Da hat er eine Schattenliebe und die Frau mit der er diese Beziehung hat, ist auch verheiratet.

derStandard.at: Warum glauben Sie ist das so?

Senger: Es liegt daran, dass Frauen tendenziell, das hat schon Freud gesagt, diese Leidenshaltung haben. Das hat viele Gründe. Einerseits kann es hormonchemisch erklärt werden: Das Östrogen ist eben ein anderes Hormon als das Testosteron, das eher zum Agieren und Handeln antreibt. Andererseits ist es nach wie vor so, dass Mädchen in den Familien mehr zugemutet wird als Buben: Mädchen räumen zum Beispiel eher das Geschirr und die Spielsachen weg, als ihre Brüder.

derStandard.at: Wie kommt man aus dieser Rolle heraus?

Senger: Wenn das über Jahre passiert, dann muss man sich mit dem eigenen Selbstbewusstsein als Frau auseinandersetzen. Wie immer man das macht: Ob man in eine Selbsterfahrungsgruppe geht, oder sich mit Büchern zum Thema eindeckt, oder im Rahmen einer Therapie, das ist auf jeden Fall sinnvoll.

Es gibt aber auch die glückliche Geliebte. Diese ist meist kurzfristig die Glückliche, die sagt: Ah ich brauche ohnedies Erholung und hab genug von den Beziehungen. Das ist wie eine Art "Sabatical".

derStandard.at: Das klingt sehr einfach, in eine Selbsthilfegruppe gehen oder ein Buch lesen...

Senger: Ist es aber nicht. Denn durch das ständige "bereit sein, zu Verfügung stehen" haben viele Frauen in einer Schattenbeziehung den lebendigen Kontakt zu Freunden verloren. Deshalb ist es ganz wichtig, die isolierte Position aufzugeben. Die meisten unglücklichen Geliebten sind gleichzeitig in einer isolierten Lebenssituation.

derStandard.at: Wie kommt man aus der Isolation?

Senger: Es ist ganz wesentlich sich zu fragen: Wo kann ich mit kleinen Schritten schnell etwas verändern. Denn für langfristige Ziele fehlt oft die Energie und die Zuversicht auf Besserung. Man kann schauen wo gibt es Vereine, wo sind Clubs, wo kann ich mich eingliedern ohne die Angst zu haben´, das dritte Rad am Wagen zu sein.

derStandard.at: Weshalb lassen sich Männer auf ein Leben im Dreieck ein?

Senger: Der Mann hört von einer Ehefrau, die sich zwischen Beruf, Familie und Alltag zerreibt, nicht täglich: Du bist so toll, du bist so großartig und der Beste auf allen Gebieten. Deshalb ist es anfänglich der Reiz der Sexualität und der Anerkennung. Denn die Geliebten tun das schon. Das hat eine unglaubliche Bedeutung für die Männer, diese Bestätigung, dieses Wichtigsein und das Gefühl für die Frau eine sexuelle Offenbarung zu sein.

derStandard.at: Das klingt so simpel, kann ein Mann in einer Schattenliebe auch auf Dauer Erfüllung finden?

Senger: Männer neigen schon dazu, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu holen. Wenn sie auf beiden Ebenen finden, was sie brauchen, dann ist das für viele ein glücklich machender Wunschtraum: Einerseits die familiäre Struktur mit der Ehefrau die alles zusammenhält - mit vertrauten Sommerurlauben, schönen Familienweihnachtsfeiern und der Harmonie mit den Kindern und daneben noch die Geliebte mit der man Abenteuer erlebt. Mit der man eine Expedition macht und die sich Reizwäsche anzieht und den Fokus der Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Mann richtet.

Die Frage ist, ob sich viele das nicht aus Loyalität versagen, weil Frauen das häufig nicht dulden. Und die häusliche Harmonie zusammenbricht wenn es auffliegt. Also: Haben würden es die Männer schon gern (lacht)... (Andrea Niemann)

Häufige Untreue-Motive
In den meisten Fällen geht einer Schattenliebe oder einem Seitensprung ein innerer Konflikt voraus:

- Man kann sich der Rivalität und dem Kampf um einen Partner nicht entzeihen - "Wer gewinnt, sie/er oder ich?"

- Man schlittert durch das unerfüllte Bedürfnis nach Wärme in eine Dreieck-Situation - "Ich spüre eine Nähe wie noch nie"

- Man fühlt sich durch die Begegnung sexuell lebendig - "Dieser Erregung war ich ausgeliefert"

- Man findet sich nach Jahren der Anpassung in einer Schattenliebe wieder - "Ich habe sonst nichts zu sagen, aber ich bin frei genug für diese heimliche Liebe"

  • Zur Person
Gerti Senger ist Psychologin und Psychotherapeutin und hält regelmäßig Vorträge, Seminare und Workshops. Sie veröffentlichte gemeinsam mit Walter Hoffmann mehrere Studien, wie "Österreich intim" oder "Die sexuelle Kraft des Mannes". Die Autorin von mittlerweile 17 Büchern, lebt und arbeitet in Wien.
    foto: cover/schattenliebe

    Zur Person
    Gerti Senger ist Psychologin und Psychotherapeutin und hält regelmäßig Vorträge, Seminare und Workshops.

    Sie veröffentlichte gemeinsam mit Walter Hoffmann mehrere Studien, wie "Österreich intim" oder "Die sexuelle Kraft des Mannes".

    Die Autorin von mittlerweile 17 Büchern, lebt und arbeitet in Wien.

  • Schattenliebe
Nie mehr Zweite(r) sein
von Gerti Senger
ISBN 978-3-85002-594-2

    Schattenliebe
    Nie mehr Zweite(r) sein
    von Gerti Senger

    ISBN 978-3-85002-594-2

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