Lainz: Unternehmen "Zwetschkenkern"

21. Juni 2007, 21:02
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Ab 2013 werden doch deutlich mehr Personenzüge im Lainzer Tunnel unterwegs sein: der Fernverkehr soll im neuen Hauptbahnhof gebündelt werden

Bis dahin fährt aber noch jede Menge Erdreich aus dem Stollen. Und das kann nur sehr vorsichtig abgetragen werden.

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Wien – Nur langsam knabbern sich die Bohrer in Richtung Roter Berg voran. Pro Tag sind es lediglich rund 1,1 Meter, die der Tunnel rund 20 Meter unter den Häusern von Lainz anwächst. Und im Moment gleicht er noch eher einer gewaltigen Halle denn einer Röhre, durch die in etwa sechs Jahren die Züge zwischen West- und Südbahn und zum neuen Hauptbahnhof unterwegs sein sollen.

Auch wenn nach dem kurzen, vom Höchstgericht erwirkten Baustopp alle rund 600 Beschäftigten wieder voll im Einsatz sind (der Standard berichtete) – es geht einfach nicht schneller. Und nicht nur, weil der Ausbruchs-Querschnitt des Lainzer Tunnels gewaltige 130 Quadratmeter beträgt. "Wir haben ein sehr schonendes, aber sehr langwieriges Verfahren gewählt", erläutert Projektleiter Wolfgang Pistauer.

Denn hier gilt es, durch lockeres, sandiges und lehmiges Gestein zu buddeln – und angesichts der Häuser darüber müssen Absenkungen des Untergrundes möglichst vermieden werden. Daher werden zunächst einmal nur Teile des Erdmaterials herausgeschält, um die "Zwetschkenkerne", wie die Stützwände genannt werden, betonieren zu können. Erst nach dieser Sicherung können die Arbeiter das Erdmaterial zur Gänze abgraben und die äußere Tunnelwand fertigen. Und dann erst können die stützenden "Ulmen" wieder entfernt werden.

Rekord im Wienerwald

Da kann bei der Fortsetzung des Lainzer Tunnels – dem Wienerwald-Tunnel nach St. Pölten – ein ganz anderes Tempo vorgelegt werden: "Dort stellen wir einen Weltrekord nach dem anderen auf", ist ÖBB-Bau AG-Vorstand Georg-Michael Vavrovsky sichtlich stolz. Kürzlich waren es 57 Meter Vortrieb an einem Tag – im Schnitt sind es täglich rund 27 Meter, die der Wienerwald-Tunnel anwächst.

Ist dann 2013 das komplette Tunnelsystem von St. Pölten bis zum neuen Wiener Hauptbahnhof fertig, sollen die Fahrgäste dann in den Genuss deutlicher Verbesserungen kommen, wie Infrastukturminister Werner Faymann (SPÖ) am Mittwochabend bei der Baustellenbesichtigung betonte: "Linz–Flughafen Wien in einer Stunde und 15 Minuten, heute sind es 2,5 Stunden. Und St. Pölten–Hauptbahnhof Wien in weniger als 30 Minuten, heute dauert das mehr als eine Stunde. Wettbewerbsfähigkeit kann man nicht herbeireden, die muss man herbeibauen."

Mehr Personenzüge

Wobei Faymann allerdings auch eine wesentliche Änderung für den Betrieb des Lainzer Tunnels ankündigte: Es werden in ihm nämlich deutlich mehr Personenzüge als ursprünglich geplant unterwegs sein. Das Verhältnis von Personen- zu Güterverkehr werde 40 zu 60 betragen, so Faymann. Früher war von zehn Prozent Personenzügen die Rede gewesen.

"Das Projekt hat seit dem Beschluss des Hauptbahnhofs eine ganz andere Bedeutung ", argumentierte Faymann. Denn nun sollen sämtliche überregionalen Züge zum neuen Hauptbahnhof am Südtirolerplatz geführt werden – und der Westbahnhof dann nur noch "ein sehr bedeutender Regionalbahnhof" sein, wie ÖBB-Chef Martin Huber beim Spatenstich für den Hauptbahnhof erklärt hatte. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 22. Juni 2007)

  • Rund 600 Menschen sind beim Bau des Lainzer Tunnels im Einsatz. Im Hintergrund sichern noch Stützwände das Erdreich.
    foto: standard/regine hendrich

    Rund 600 Menschen sind beim Bau des Lainzer Tunnels im Einsatz. Im Hintergrund sichern noch Stützwände das Erdreich.

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