Der Kunst ihre Kneipen

21. Juni 2007, 19:58
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Der Diskurs wird zurückgeholt: Das kleine Festival "Anzengruber Biennale 2007" hat eröffnet

Was Künstler brauchen, um ordentlich "kunsten" zu können, ist die intensive Auseinandersetzung mit dem, was sich hinter und in ihren Werken verbirgt. Im Kunstschwurbelsprech nennt man das "Diskurs". Aber im Grunde ist das nichts anderes als das, was man unter Gleichgesinnten in der jeder Clique eigenen Insidersprache am Abend bei ein oder zwei Bieren beplaudert: Außenstehende verstehen Bahnhof, vermeiden aber tunlichst, das laut zu sagen. Man will ja dazugehören. Gerade, wenn über dem Stammtisch nicht Themenschilder wie Fußball, Autos, Frauen, Fernsehen oder Politik hängen, sondern da das Wörtlein Kunst schwebt. Erst recht, wenn das ganze Lokal als Künstler- und Intellektuellenhütte gilt - so wie das Café Anzengruber in Wien.

Weil aber der Diskurs den Stammtisch längst verlassen hat und sich mittlerweile in hochnoble Kunstfestivalregionen zu verflüchtigen droht, haben sich Anzengrubers (Ankica, Jerko und Tomislav Saric) und Kunstschaffende (Flora Neuwirth, Stefan Sandner, Julia Schulz, Christain Kobald, Rita Vitorelli und Verena Kaspar) zusammengesetzt. Und beschlossen, den Diskurs und alles was dazugehört (die Kunst nämlich) zurückzuholen. Und weil so etwas natürlich einen Namen braucht, der dem Wiener Kunstvolk sagt, was Sache ist, heißt das kleine Festival, das da Mittwochabend eröffnet wurde, "Anzengruber Biennale 2007". Das Bier schmeckt da zwar nicht anders als den Rest des Jahres über, aber vielleicht ist ja genau das die Idee hinter der Sache.

Im Kunstsprech nennt man das dann vermutlich "Metaebene". (Thomas Rottenberg, DER STANDARD - Printausgabe, 22. Juni 2007)

  • Nuwirth, Sandner, dreimal Saric, Schulz, Kobald und Vitorelli (v.li): "Anzengruber Biennale".
    foto: thomas rottenberg

    Nuwirth, Sandner, dreimal Saric, Schulz, Kobald und Vitorelli (v.li): "Anzengruber Biennale".

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