Michelle Obama redet Tacheles

5. Juli 2007, 12:30
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Die Frau des Senkrechtstarters sieht ihre Rolle darin, Barack Obama zurück auf den harten Boden der Tatsachen zu holen

Glaubt man ihren Freunden, dann ließ sich Michelle Obama nur widerstrebend auf die politische Bühne zerren. Aber wie souverän die potenzielle First Lady das glatte Parkett meistert, lässt sogar Kritiker ihres Gatten applaudieren.

Jetzt zum Beispiel, die Sache mit dem Video. Auf der Filmchen-Webseite YouTube stürzt eine kurvige Tänzerin Barack Obama in leise Verlegenheit. Aufreizend lässt sie ihre Hüften kreisen, am Strand, auf Schreibtischen, wozu ein Slogan auf ihrem knappen T-Shirt verkündet: "Ich bin verknallt in Obama." Ganz Amerika redet davon. Es ist zwar nur eine Schauspieleinlage, aber wer weiß, auf welche Ideen Nachahmerinnen noch alles kommen. Und wie reagiert die Gemahlin? Sie spricht lieber über Frauen im wirklichen Leben.

"Die Toilette läuft über, und wer kümmert sich um den Klempner? Wer krempelt seinen Zeitplan um, wer managt das Malheur? Das sind wir", ruft sie den "Women for Obama" in Las Vegas zu. Wohlgemerkt, in Las Vegas, der Stadt der Glücksritter, wo sich alles um Illusionen dreht und wenig um die Mühen des Alltags.

Endlich mal eine, die aus dem wahren Leben plaudert. Während die Bewerber für die Präsidentschaftswahl 2008 die großen Themen abhandeln, oft mit geschliffenen Sprüchen, bringt Michelle Obama frischen Wind in die Debatte. Die 43-Jährige hat die Figur einer Basketballspielerin. Wo sie hinkommt, fällt sie auf. Noch mehr als ihr Äußeres imponiert den Leuten jedoch, wie unverblümt sie Tacheles redet. Ihre Rolle sieht sie darin, Barack Obama, den Senkrechtstarter der Demokraten, zurück auf den harten Boden der Tatsachen zu holen.

Sie habe so ihre Schwierigkeiten, die beiden Obamas unter einen Hut zu bringen, den öffentlichen und den privaten, spottete sie neulich. Hier der "brillante Redner, Jusprofessor, Bestseller-Autor, Grammy-Preisträger, ziemlich großartig, nicht wahr?" Dort der andere, der in ihrem Haus lebe. "Aus irgendeinem Grund schafft es der Bursche immer noch nicht, die Butter in den Kühlschrank zu legen und die Brottüte so zu verschließen, dass die Toastscheiben nicht hart werden. Und seine fünfjährige Tochter ist besser im Bettenmachen als er."

Es gibt viele Amerikaner, die sich sofort identifizieren können mit dieser Frau. Weder himmelt sie ihren Gatten so an, wie es Nancy Reagan einst mit ihrem Ronald tat. Noch hat sie sich mit Haut und Haar der Politik verschrieben wie die Clintons, Bill und Hillary. Vielmehr legt Michelle Obama eine fast belustigt wirkende Distanz zwischen sich und die Macht. Im Jänner 2005, ihr Gatte war zum Senator gewählt worden, flog nach Washington und sonnte sich im Glanz des Newcomers, raunte sie seinem Tross zu: "Na, vielleicht tut er eines Tages mal was, was den ganzen Trubel rechtfertigt."

So kurz die Obamas erst im Rampenlicht stehen, so gründlich haben die Medien ihr Privatleben bereits ausgeleuchtet. Skandale haben sie keine gefunden, noch nicht, dafür eine Romanze: Die junge Michelle Robinson fand es lange nicht schicklich, im Büro eine Beziehung anzubahnen. 1988 war das, und Barack Obama machte sein Praktikum in derselben Anwaltskanzlei, in der sie gerade angefangen hatte. (Frank Hermann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2007)

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    "Der Bursche schafft es immer noch nicht, die Butter in den Kühlschrank zu legen": Michelle Obama hilft im Wahlkampf ihres Mannes.

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