Die neue Sesshaftigkeit

22. Juni 2007, 09:31
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"Lange nicht gesehen", ruft uns das "Museum auf Abruf" freudig zu: Endlich verfügt die Stadt über ständige Räume, um die Kunstsammlung der Wiener und Wienerinnen angemessen zu repräsentieren

Bei der ersten Ausstellung trifft man hauptsächlich auf alte Bekannte.

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Wien – "Die Physiognomien der Billigesser seien grundlegend und folgerichtig von dem jahrzehntelangen WÖK (Wiener Öffentliche Küche)-Besuch geprägt gewesen", bemerkte Thomas Bernhard einst bösartig über die Besucher der städtischen Ausspeisungseinrichtung. So gesehen können wir froh sein, dass es die WÖKnicht mehr gibt und die lukullischen Strafkolonien längst anderen Zwecken zugeführt sind. Auch in der Felderstraße 6–8 beim Rathaus wird nun nach weiteren Jahren praktischer Schnellkantinenkost endlich kalorienarm zeitgenössische Kunst ausgespeist.

MUSA nennt sich die leider wenig wohl klingende Abkürzung, die für "Museum auf Abruf” und eine Sammlung von recht ansehnlicher Größe (16.500 Werke) steht, die seit 1951 in Form von Förderankäufen angehäuft wurde. 500.000 Euro jährlich sollen auch in Zukunft für stetigen Zuwachs junger Kunst aller Medien und Richtungen sorgen, weitere 450.000 den laufenden Betrieb des Hauses, mit Zero-Eintrittspreispolitik, gewährleisten.

Lichter Raum

Mit "auf Abruf" ist aber auf alle Fälle mal Schluss: "Nach Jahren der Wanderschaft", freut sich Bürgermeister Michael Häupl, hat die "wertvolle Kunstsammlung der Stadt Wien" endlich eine eigene Wirkungsstätte bekommen. Und die ist erfreulich hübsch geraten: 4,4 Millionen Euro hat der Umbau der Räume in einem der ersten Wiener Stahlbetonbauten gekostet. Wesentlichster Eingriff des Architektenteams Kiskan Kaufmann ist die Glasüberdachung des Innenhofs, die einen lichten, fünfachsigen Ausstellungsraum schuf.

Und auch sonst wurde darauf Wert gelegt, dass Kunst hier nicht nur miteinander, sondern ebenso mit dem Außenraum kommuniziert. Wer kennt sie nicht, diese kleinen Pressspankobel, in die allzu gerne Videos und Projektionen verbannt werden. Im MUSA sind die Monitore – in den durch mobile weiße Blöcke individuell gliederbaren Kojen – von den Fenstern zur Straße hinterfangen: bewegte Hintergründe als perfekte Kulisse für Vidoes, die Aktionen im öffentlichen Raum dokumentieren – etwa jene von Anna Jermolaewa, Leopold Kessler oder Kamen Stoyanov.

Alte Bekannte

Für die erste Ausstellung – von zukünftig jährlich dreien – engagierte man die bulgarische Kuratorin Iara Boubnova. Als "gewissenhafte Außenseiterin" stellte sie mit "vertrauter Unvertrautheit" gegenüber der jüngeren österreichischen Kunstgeschichte einen repräsentativen Querschnitt der Sammlung zusammen. Und unter dem Titel "Lange nicht gesehen" trifft man hier tatsächlich auf viele alte, aber doch ausstellungstechnisch sehr präsente Bekannte: Von Anzinger, Brus, Export über Lassnig, Mühl, Nitsch und Rainer bis zu West, Wurm und Zobernig. Einige von deren Frühwerken sind inzwischen rechte Klassiker geworden, manch andere hätte man auch gerne weiterhin "lange nicht gesehen". – Arbeiten von Josef Bauer, dem 1934 geborenen Welser, verdienen es hingegen häufiger, hergezeigt zu werden. Seine weißen Objekte nehmen Anfang der Siebzigerjahre die etwas später entstehenden West’schen Passstücke in einer verführerisch glänzenden Form vorweg. – Matter Karton hingegen in der charmant zugeramschten Ecke von Christian Eisenberger, die genauso wie Peter Fritzenwallners Obstwurf-Apparaturen in der gegenüberliegenden Startgalerie für Frische in den ansonsten recht braven Präsentationen sorgen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 22.06.2007)

  • "Lange nicht gesehen" trifft auf Ines Doujaks im Hauptraum aufgestellte Arbeit nicht zu: Ein Zwilling von "Siegesgärten" dominiert auf der documenta den Aue-Pavillon.
    foto: hendrich

    "Lange nicht gesehen" trifft auf Ines Doujaks im Hauptraum aufgestellte Arbeit nicht zu: Ein Zwilling von "Siegesgärten" dominiert auf der documenta den Aue-Pavillon.

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