Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway"

21. Juni 2007, 14:57
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Leben in London: 1923, Mitte des Jahres, Mitte der Woche. Die Glocke von Big Ben schlägt den Takt vom Morgen bis zum Abend

Die elegante Mrs. Dalloway, Anfang fünfzig, verheiratet, Oberschicht, kauft in einer Londoner Geschäftsstraße spanische Wicken für eine Gesellschaft, die sie am selben Tag in ihrem Haus erwartet: Informationen für Romane von jener Sorte, die eines der vitalsten Leserbedürfnisse befriedigen, mächtiger noch als der Wunsch nach Spannung, nämlich die Sehnsucht nach klaren Verhältnissen und fester Kontur als Erholung von der Unübersichtlichkeit des Lebens. Mrs. Dalloway allerdings unterschlägt nicht, sondern sucht die flimmernde Fülle rebellischer Haupt- und Nebensächlichkeiten, entfaltet weit den Fächer möglicher Perspektiven einer Wirklichkeit im Flackern und Strudeln von Wahrnehmung, Fakten, Gefühl.

Dem, der (auch) aus einem zweiten, dem geschilderten ersten entgegengesetzten, Antrieb liest und die Einschrumpfung auf fixe Realitätsmerkmale, die der Alltag ihm abverlangt, nicht jederzeit auch noch in seiner Lektüre glorifiziert sehen will, bedeutet das 1925 erschienene Werk der Engländerin verschwenderisch geschenkter Reichtum an Sinneseindrücken, Offenbarung eines dem Leben unermüdlich witternd auf frischer Spur bleibenden, nicht gealterten Avantgardismus. Für die Protagonisten ist das nicht ungefährlich. Clarissa Dalloway flüchtet sich vor den Moment-Gewittern widersprüchlicher Anmutungen und Empfindungen, die zusätzlich aus der Vergangenheit in die übervolle Gegenwart irrlichtern, in die Panzer gesellschaftlicher Konvention. Der von Kriegserlebnissen traumatisierte junge Septimus verliert dagegen die Balance.

Er stürzt sich in Wahnsinn und Selbstmord. Zwei sehr unterschiedliche Schicksale, die sich ein-, zweimal scharf überschneiden. Mit einem kleinen Schwenk (Clarissa erkennt es klar, klarer erkennt es der Leser), hätte das eine Bewusstsein auf die Gleise des anderen überwechseln können. Denn es gibt ja noch einen weiteren, geradezu biologischen Grund, sich mit Büchern zu befassen. Literatur durchdringt die starren Grenzen zwischen dem Ich und anderen Individuen. Sie berichtet uns, was in den Zeitgenossen eventuell geschieht, zeigt uns ein Innenleben, an das wir dem Augenschein der Oberflächen nach oft nicht glauben können. Wenn Clarissa durch London und die Menge seiner Passanten schlendert, dann wandern Stadt und Mitmenschen auch durch sie selbst hindurch. Ein unentwegtes Vermischen und Vereinzeln findet statt.

Wiedererkennbare Gestalten tauchen auf, stoßen sich ab mit Außenhaut und Vorurteilen, fühlen sich kurzfristig zueinander hingezogen, werden aus einem unerschöpflichen Inneren zu physiognomisch wie psychologisch entschieden und nicht selten sarkastisch umrissenen Charakteren geformt und gleiten zurück in eine auch Bäume und Häuser umfassende Verwandtschaft aller Wesen, in den Strom, in "die Ebbe und Flut der Dinge". (Brigitte Kronauer, RONDO/DER STANDARD/Printausgabe, 22.06.2007)

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    cover: süddeutsche bibliothek
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