"Das Tabu der Langeweile am Arbeitsplatz brechen"

24. Juni 2007, 16:00
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So tun als ob im Job - Im Interview wollen die Autoren von 'Diagnose Boreout' mit der "Mär des süßen Nichtstuns" aufräumen

Gerade erst hat das Phänomen Burnout das Bewusstsein der gestressten Arbeitswelt erreicht, gibt es bereits wieder eine neue Diagnose: den Boreout. Die Schweizer Autoren Philippe Rothlin und Peter R. Werder beschreiben in ihrem Buch warum Unterforderung im Job krank macht und erklären im Gespräch mit Marietta Türk den Stress, den das permanente Wenigtun bei Mitarbeitern auslösen kann und die Gründe für das paradoxe Verhalten, den Zustand des Unterfordertseins aufrecht erhalten zu wollen. Chefs hingegen verschließen sogar häufig die Ohren, wenn ihnen Mitarbeiter sagen, dass sie unterfordert sind, meinen die Autoren.

derStandard.at: Wenn Sie das Phänomen Boreout mit wenigen Sätzen beschreiben müssten – was verstehen Sie darunter?

Rothlin: Es geht beim Boreout nicht um Stress bei der Arbeit, sondern um dessen Gegenteil. Es geht um Unterforderung, Langeweile und Desinteresse sowie um Strategien, um bei der Arbeit beschäftigt zu wirken, denn man kann ja schlecht Löcher in die Luft starren und einfach nichts tuend am Pult sitzen.

derStandard.at: Wir leben in Zeiten, wo Burnout in aller Munde ist und das Phänomen auch langsam öffentlich bekannt geworden wird. Wie heikel ist es da ein Buch darüber zu schreiben, dass so viele Menschen im Job unterfordert sind?

Werder: Nun, heikel finden wir das gar nicht, höchstens brisant. Stress gehört heute zum guten Ton, wer nicht gestresst ist, ist nicht wichtig. Aussagen zu Stress sollte man oftmals also mit Vorsicht geniessen. Wir sagen nicht, es gibt den Stress nicht. Aber wir wollten einfach zeigen, dass es im Joballtag sehr vieler Menschen eben auch das Gegenteil gibt: Langeweile und Unterforderung, zum Beispiel verursacht durch eine schlechte Arbeitsverteilung im Team.

derStandard.at: Burnout kann bekanntermaßen auch entstehen, wenn der Job zur Routine wird, keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr in Sicht sind. Ähnlich beschreiben Sie in Ihrem Buch auch teilweise das Boreout-Phänomen damit – ist Boreout vielleicht nur ein anderer Begiff oder eine Variante des Burnout und nicht das Gegenteil davon?

Werder: Natürlich können ständiger Frust oder Misserfolge am Arbeitsplatz Gründe für einen Burnout sein, dieser fußt aber auf Stress. Beim Boreout ist das Gegenteil der Fall. Dieser bezieht sich spezifisch auf zu wenig Arbeit am Arbeitsplatz, auf Langeweile und Desinteresse. Routine, wie Sie sagen, ist eine mögliche Begleiterscheinung oder eine Mitursache beider Phänomene – das ist schon richtig. Aber die Vorzeichen beim Burnout sind genau gegenteilig.

derStandard.at: Sie erzählen vom imaginären Mitarbeiter Alex, der in Kostenvoranschlägen gezielt krasse Fehler in den Text einbaut, Projektkosten zum Beispiel mit Rubel beziffert, falsche Kontaktdaten einbaut um die Aufgabe spannender zu machen, die Tristesse abzubauen. Sie sind Betriebswirt und Unternehmensberater - wissen Sie tatsächlich von solchen Mitarbeitern, oder haben Sie den Charakter stark überzeichnet?

Rothlin: Natürlich ist unsere Figur Alex leicht überzeichnet, weil wir ein ernstes Thema auch auf humorvolle Weise angehen wollten. Aber wir kennen tatsächlich Beispiele, die zum Schmunzeln waren. So bauen HTML-Programmierer gerne mal Kleinigkeiten – zum Beispiel unanständige Four-Letter-Verbs - ein, um den oft spröden Alltag etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Aber: Dieser Humor darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Leute mit dieser Situation nicht im Geringsten zufrieden sind.

derStandard.at: Sie schreiben, dass sich die von Boreout Betroffenen Ersatzhandlungen suchen, damit sie einerseits etwas zu tun haben und andererseits beschäftigt wirken, wenn sie beobachtet werden. Wann ist man denn verdächtig, unterfordert zu sein?

Rothlin: Es geht oftmals nicht mal so sehr um Verdächtigungen. Wir kennen unzählige Beispiele, wo der Arbeitnehmer den Chef sogar explizit darauf anspricht, zu wenig zu tun zu haben. Der Chef jedoch reagiert einfach nicht darauf. Trotzdem würde er jedoch wütend reagieren, sähe er den Arbeitnehmer beim Nichtstun.

derStandard.at: Warum tut der Arbeitnehmer nichts, wie Sie schreiben, um aus der Boreout-Falle herauszukommen und wendet alle möglichen Strategien an, um die Unzufriedenheit noch zu vergrößern. Warum dieses Paradox?

Werder: Erstens spielt hier die "Mär des süssen Nichtstuns" mit: Es kann zu Beginn ja noch ganz nett sein, freie Zeit für Privates bei der Arbeit zu haben. Mit der Zeit jedoch zementiert man eine unzufrieden machende Situation, weil sich im Job ja nichts ändert. Man wird so unzufrieden, dass man das Interesse ganz verliert und gar keine neue Arbeit mehr will – sie wäre eh langweilig oder würde einen unterfordern. Also schützt man sich davor – und bleibt dort, wo man eigentlich nicht hingehört – paradoxerweise eben.

derStandard.at: Was raten Sie Arbeitgebern, um einen Boreout zu verhindern?

Werder: Wir bekommen bereits zahlreiche Anfragen für Vorträge und Seminare von Unternehmen, die sich proaktiv mit dem Phänomen auseinandersetzen möchten. Die Aussage "Das gibt’s in meinem Unternehmen nicht" zieht sehr oft an der Wahrheit vorbei. Zentral ist Empathie als Teil einer guten Führungskultur, die einen Boreout verhindern kann. Wichtig ist auch, dass sich jeder Vorgesetzte Gedanken über seinen persönlichen Führungsstil macht, ihn kritisch hinterfragt – etwas, das heute sehr oft eben nicht geschieht. Wichtig ist zudem die Auswahl der Führungskräfte: Den Besten wählen, und nicht den Dienstältesten oder denjenigen, der am meisten Kunden hat.

derStandard.at: Was hat Ihnen den Anstoß gegeben, ein Buch über das Thema zu schreiben?

Rothlin: Wir haben ein wenig an dieser "Ich bin so gestresst"-Oberfläche kratzen wollen. Wir wollten zeigen, dass unzählige Menschen bei ihrer täglichen Arbeit unterfordert sind und sich langweilen. Wir wollten ein Tabu brechen und mit der oftmals kolportierten "Mär des süssen Nichtstuns" am Arbeitsplatz aufräumen. Und: Wir haben begonnen, die bekannten Untersuchungen über Stress und Überforderung umgekehrt zu lesen. Nicht mehr die 30 Prozent, die gestresst sind, haben uns interessiert, sondern die restlichen 70 Prozent. (Marietta Türk, derStandard.at, 24.6.2007)

Siehe: Rezension Diagnose Boreout
  • Philippe Rothlin (l.) studierte an der Universität St. Gallen Recht und Betriebswirtschaft. Er war viele Jahre als Projektleiter im Bankensektor tätig und arbeitet nun als selbstständiger Unternehmensberater.
Peter R. Werder (r.) studierte an der Universität Zürich Publizistik, Philosophie und Musikwissenschaften. Er arbeitet im Bereich Public Relations und als Unternehmensberater.
    foto: blanca deiros, barcelona

    Philippe Rothlin (l.) studierte an der Universität St. Gallen Recht und Betriebswirtschaft. Er war viele Jahre als Projektleiter im Bankensektor tätig und arbeitet nun als selbstständiger Unternehmensberater.

    Peter R. Werder (r.) studierte an der Universität Zürich Publizistik, Philosophie und Musikwissenschaften. Er arbeitet im Bereich Public Relations und als Unternehmensberater.

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