Den Koch im Dorf lassen

22. Juni 2007, 17:00
6 Postings

Wenn der Küchenchef des "Taubenkobel" das Wirtshaus seiner Eltern übernimmt, dann sollte man da hin - auch wenn es sich in einem Nest versteckt, das man erst nach langem Suchen findet

Auf der Landkarte findet sich Harmisch, Gemeinde Kohfidisch, tief unten im südöstlichen Zipfel des Burgenlands: ziemlich exakt zwischen den Orten Kotezicken und Pornóapáti, wobei letzteres bereits in Ungarn liegt. Fremde mögen geografische Details wie diese amüsant finden, den Ansässigen führt es bloß vor Augen, was sie ohnehin seit jeher wissen: dass sie verdammt weit ab vom Schuss sind.

Dafür liegt Harmisch eingebettet in wunderbare Landschaft, und die Einwohner freuen sich wirklich, wenn sich einmal Fremde blicken lassen - und sei es nur, um nach dem Weg zu fragen. Außerdem sind die spektakulären Rotweinlagen des Eisenbergs (wo etwa Uwe Schiefers faszinierend vielschichtige Blaufränkische gedeihen) und die entrückte Idylle des Csaterberges nahe. Vor allem aber kocht seit ein paar Wochen hier, im Wirtshaus seiner Eltern, Jürgen Csencsits, der über viele Jahre Walter Eselböcks Küchenchef war und die hochdekorierte Küchenleistung des "Taubenkobel" in Schützen bis zuletzt ganz wesentlich mit verantwortete. Dafür nimmt man das Risiko, sich auf dem Weg dorthin ganz kapital zu verfahren, doch gerne auf sich.

Charmfrei renoviert

Das Ankommen sorgt freilich erst einmal für Ernüchterung: Das Gasthaus Csencsits sieht so aus, wie die Dorfwirtshäuser, die man sonst links liegen lässt, eben aussehen: ein Puntigamer-Schild am sehr hellblau gestrichenen Haus, ein Panoramafenster oder zwo, ein fugenlos asphaltierter Hof. Alles sehr sauber und adrett, vor Jahren gar charmefrei renoviert.

Das macht Csencsits' Frau Melanie, die den Service leitet (und wie ihr Mann im Taubenkobel lernte) dafür mehr als wett. Und sobald man auf der geräumigen, überdachten Terrasse Platz genommen hat und die Speiskarte durchschauen darf, wirken derlei Einwände nur noch geschmäcklerisch: Zwischen Wirtshausklassikern wie Zwiebelrostbraten, "Schweinsbraten aus dem Holzofen" und "Geschmorte Kalbsstelze mit Püree" finden sich auch ziemlich deutliche Hinweise auf den, der da am Herd steht: Kalbsbries mit Linsen etwa, oder Saibling auf Apfelkren - ein Taubenkobel-Klassiker.

Das gedämpfte Fischfilet verbindet sich harmonisch mit der scharfen Frische des Apfelkrens, dessen Frucht durch etwas Ingwer einen Hauch wilde, weite Welt verpasst bekommt. Dünn gehobelter roher Karfiol und ein paar Tupfer samtigen Karfiolpürees wirken als erdiger Kontrast, blanchierte Mandelkerne fungieren als Querverbinder, die scheinbar Widerstrebendes am Gaumen vereinen - ein wunderbar ausbalanciertes Gericht, echte Hochküche. Wie Csencsits das allein mit seiner Mutter in der Küche zu Wege bringt, hat fast etwas Unheimliches.

Weine aus der Umgebung

Denn auch, wenn es deftiger zur Sache geht, scheint Csencsits große Köstlichkeiten ganz locker aus dem Ärmel zu schütteln: Wels im hauchdünnen Speckhemd ist schön glasig gegart, dazu gibt's heuriges Kraut in dicken Scheiben knackig gebraten, saugut. Fantastisch saftig gerät auch der Schweinsbraten aus dem Holzofen, wobei die vernünftig dicke Fettauflage ebenso sympathisch in Erinnerung bleibt wie das großartige Saftl. Das Schwartl wird, wie früher einmal im Taubenkobel, separat weichgekocht, püriert, auf Backblech gestrichen und zu blassen, zartknusprigen Chips gebacken - ganz lustig, aber auch ein bissl sehr verstiegen. Vor allem, wenn man deshalb auf ein ordentliches Kruspel verzichten muss. Klassisch und pur dafür der Rehrücken, mit dichtem, wurzelintensivem Jus und bissfest gegarten, hocharomatischen Selleriewürfeln.

Die Preise sind für das Gebotene mehr als günstig, noch billiger sind nur die durchaus interessanten Weine, die Melanie Csencsits dazu empfiehlt. Sie stammen beinahe ausnahmslos aus der unmittelbaren Umgebung und zwar, mit der großen Ausnahme Uwe Schiefers, von weithin unbekannten Winzern. Dass die Dorfleute einstweilen dennoch lieber bei Cordon bleu und Krügerl absitzen, kann unsereinem freilich wurscht sein. Jürgen Csencsits aber muss nun damit leben. (Severin Corti/Der Standard/rondo/22/06/2007)

Gasthaus Csencsits
7512 Harmisch Nr. 13
Tel.: 03366/77220
Do-Mo 11.30-15 und 17-22 Uhr
VS € 2,50-7, HS € 6-18
Menüs € 18-38
  • Im südöstlichen Zipfel des Burgenlandes liegt Harmisch,
    foto: gerhard wasserbauer

    Im südöstlichen Zipfel des Burgenlandes liegt Harmisch,

  • wo Jürgen Csencsits ganz wunderbar aufkocht
    foto: gerhard wasserbauer

    wo Jürgen Csencsits ganz wunderbar aufkocht

  • Fotos: Gerhard Wasserbauer
    foto: gerhard wasserbauer
Share if you care.