Klebrige Reliefs

21. Juni 2007, 17:00
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Die Ästhetik von Eiskarten hat sich unter dem Anspruch der notwendigen Beständigkeit jahrzehntelang nur wenig verändert - Feststeht: Wirklich gschmackig sind die wenigsten

Aufblasbar, abwaschbar, wunderbar. Vielleicht abzüglich der erstgenannten Eigenschaft und hoffentlich inhaltlich der dritten entsprechend, lässt sich so die gemeine Eiskarte beschreiben. Meist sind diese Sammlungen traditioneller und neumodischer Eiskreationen in fragwürdig appetitanregender Farbgebung gehalten, immer zu bunt, mindestens laminiert oder eben gleich generationenvertragskonform in dickes Plastik eingeschweißt.

Immerhin muss so eine Eiskarte den Begehrlichkeiten großer und kleiner Bälger - "Mag ein Eis!!!" - ebenso standhalten wie jenen von Konditoreiinventarsdamen, die zumindest während einer Hälfte des Kalenderjahres an ihren beharrlich getragenen Pelzmützen erkennbar sind. Des Weiteren müssen Eiskarten im Gefahrenbereich der den Aggregatzustand ändernden Zucker-Wasser-Kombinationen pflegeleicht sein: Mit demselben Tuch, das die ärgsten Eiszeitsauereien vom Tisch tilgt, sollen auch eventuelle Patzer oder Farbvergleichsstudien zwischen kredenztem und abgebildetem Eis aus der Angebotskarte entfernbar sein.

Das ergibt spätestens zur Saisonmitte eine gewisse Klebrigkeit, die beim Blättern und Gustieren das obligatorische Eiskartengeschmatze hervorruft. So oder so ähnlich halten sich Eiskarten seit Jahrzehnten, werden oftmals nur insofern nachjustiert, als dass die ursprünglich abgedruckten Preise überklebt und erhöht werden, was nach einigen Saisonen Exemplare ergibt, die sich wie Reliefkarten der Buckligen Welt ausnehmen. Schmatzende Reliefkarten! Das gilt für die Edelitaliener der Innenstädte ebenso wie für Vorstadtkaffees, deren Eisan- gebot sich nach "Eiskaffee", "Bananen Split" und dem in fantasievoller Schreib- weise angebotenen "C(o)up(p)(e)(a) De(ä)n(e)ma(r)k" bereits erschöpft.

Inhaltlich hat in den letzten Jahren ein deutlich verschärfter Wettbewerb unter den Eisprofis nicht nur neue, abenteuerliche Geschmackskreationen wie Ingwer-Eis, Sauerrahm-Eis oder das süß-scharfe Schoko-Chili-Eis hervorgebracht. Auch der Erfindungsreichtum bezüglich üppiger Becher zeitigt teils Absonderliches. Sagen wir so: Man muss kein Komasäufer sein, um bei "Eispizza" eher an halbverdaut Wiedergegebenes in einer klirrenden Jännernacht zu denken, anstatt an ein wenig erhaben angerichtetes Eisdings. Mahlzeit, trotzdem.

Das muss man mögen wollen

Auch der brunftige "Liebescoup" (er: Banane, sie: Pfirsich oder Kiwi) löst zartes Befremden aus. Dazu bringen Eismacher Kreationen wie das "Spaghetti-Eis" hervor, dessen Darreichungsform tatsächlich einem Teller Nudeln mit Parmesan aus der Pizzeria unseres Misstrauens gleicht und auf dem Kokosflocken glaubhaft den Käse imitieren. Das muss man mögen wollen.

Im Gegensatz zu derlei fantasievollen Arrangements, nimmt sich, was man für die nicht zu kleine Zielgruppe der eisgeilen Kinder geboten wird, eher altbacken aus: Hier wird noch immer mit den ewig gleichen "Biene-Maja"- oder "Pinocchio"-Bechern um Verzehrsgunst gebuhlt. Oder es werden aus Eiskugeln, Waffeln, Tüten oder etwas, das gar wie Hundefutter aussieht, "lustige" Antlitze arrangiert, denen Fantasienamen gegeben werden. Zur weiteren Überzeugungsarbeit setzt man auf Placebos wie Smarties oder pimpt das Arrangement mit Überraschungseiern samt Plastikeinlage auf. Super Idee, Kinder auch noch dazu zu verführen, mit den Fingern ins Eis zu greifen.

Wenn sich Erziehungsberechtigte angesichts vor Ort inszenierter Massaker nach Vergessen sehnen - einfach den Eiskellner rufen: Mittels "Coppa Whiskey" oder "Coup Brandy" kann man sich diesem Zustand bequem annähern. Komaeissäufer wurden bislang nicht auffällig, wahrscheinlich kommt davor ein Zuckerschock. Wobei: Nicht nur Zucker, auch teils ordentliche Zugaben von Likör, Martini, Rum und Höherprozentigem dürften so manche Kundschaft erst zu solcher machen. Neben Tanten-Evergreens wie der "Birne Helene" oder "Pfirsich Melba" ist ein Eismysterium aber weit gehend aus den Karten verschwunden: Das "Hausgeheimnis" - ohnehin selten mehr als ein gemischtes Eis mit irgendeinem Extra-Tutu - hat sich entweder endgültig mystifiziert oder wird einfach nicht abgebildet, weil eben: Geheimnis! Eh klar. (Karl Fluch/Der Standard/rondo/22/06/2007)

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