Die Rekonstruktion der ähnlichen Phase

21. Juni 2007, 18:32
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In Hochgebirgsseen die über 2500 Metern ruhen wirkt sich der Klimawandel am stärksten aus, sagt Limnologe Roland Psenner

Durch die Erwärmung steigt die Verwitterungsrate in den Hochgebirgsseen und die Eisdecke wird dünn. Marijana Miljkovic sprach mit Roland Psenner.

Standard: Der Klimawandel ist in den Hochgebirgsseen gut zu beobachten, weil der menschliche Einfluss nur aus der Atmosphäre kommt, heißt es. Was wurde beobachtet?

Roland Psenner: In den Alpen verläuft der Klimawandel wesentlich schneller als im Weltdurchschnitt. Wir bewegen uns bei den Hochgebirgsseen, oberhalb der Waldgrenze. In einer Höhe also, wo der Anstieg der Lufttemperatur entscheidend ist: Eine Zunahme von minus ein Grad auf plus ein Grad hat größere Auswirkungen als von 18 auf 20 Grad. Hier befinden sich Blockgletscher und Permafrost, die zu schmelzen beginnen.

Standard: Was ändert sich?

Psenner: Die eisfreien Zeiten werden länger und der Charakter der Ökosysteme wandelt sich. Es ändern sich die Durchströmung des Sees, das Einzugsgebiet, die Verwitterungsraten und auch der Eintrag von Stäuben, die den sauren Regen abpuffern können. Außerdem entstehen jedes Jahr neue Seen: Eis verwandelt sich in Gletscherseen und bestehende trübe Gletscherseen werden, wenn die Gletscher im Einzugsgebiet verschwinden, zu Klarwasserseen.

Standard: Steigt die Verwitterungsrate wenn es warm ist?

Psenner: Wenn die Verwitterungsrate zunimmt, gelangen mehr Basen, wie Kalzium oder Magnesium, ins Wasser und der Ph-Wert steigt. Die Verwitterung ist von drei Dingen abhängig: Langfristig betrachtet, also in Millionen von Jahren, vom CO2-Gehalt der Atmosphäre - je mehr Kohlensäure, desto schneller die Verwitterung. Zweitens hängt sie von der Temperatur - je wärmer desto schneller, aber auch von der Menge des Niederschlags ab: Bei Trockenheit ist die Verwitterung geringer. Die Vegetation spielt in tieferen Lagen eine Rolle für die Verwitterung. Im Hochgebirge ist die Vegetation spärlich, sie wirkt sich aber bei zunehmener Erwärmung entscheidend aus.

Standard: Wie wirkt sich das auf die Organismen aus?

Psenner: Es ändert sich nicht nur das Artenspektrum im Einzugsgebiet, sondern auch das Plankton: Wärme liebende Arten, die gegen UV-Strahlung resistent sind, werden bevorzugt. Wenn die Eisbedeckung kürzer wird, werden die Gewässer intensiver durchmischt. Für manche Organismen, Fische und alle Arten, die Sauerstoff brauchen, wirkt sich das positiv aus. Die Winterstagnation kann üblicherweise dazu führen, dass sich vom Boden herauf sauerstofffreie Zonen bilden. Dauert diese Situation über mehrere Monate an, kann ein großer Teil des Sees sauerstofffrei werden. Er ist dann als Lebensraum für höhere Organismen verloren. Diese Situation wird sich sicher verbessern.

Standard: Und für manche auch verschlechtern?

Psenner: Wenn die Wassertemperaturen steigen, verstärken sich die Abbauprozesse. Wenn ich die Vegetationsperiode verlängere, kann ich die Produktionsleistung von so einem See steigern. Das führt dazu, dass mehr Biomasse abgebaut und am Ende mehr Sauerstoff gezehrt wird. Es kann also durchaus ähnliche Erscheinungen geben wie bei einer längeren Eisbedeckung im Winter.

Standard: Eine Phase der Erwärmung gab es ja schon.

Psenner: Ich habe die Vermutung, dass wir in einer Phase leben, die es in ähnlicher Form gegeben hat, obwohl die augenblickliche Veränderung sehr rasch verläuft. Das muss vor circa 8000 Jahren so gewesen sein. Mitarbeiter von mir rekonstruieren anhand eines Sedimentkerns aus dem Schwarzsee ob Sölden die Umweltbedingungen der letzten 10.000 Jahre. Für mich ist die Frage spannend, ob wir eine Periode erwischen, an der wir sehen können, was im Hochgebirge während solcher Erwärmungsphasen passiert.

Standard: Kurz noch eine Frage zum Wasser: Wird es knapp?

Psenner: Für die meisten Gebiete in Österreich ist das wahrscheinlich kein Problem, es wird ein sehr kleiner Teil des Wassers, das zur Verfügung steht, genützt. Wo das Problem auftreten wird, ist im Südosten der Alpen. Die meisten denken an Trinkwasser, Wasser für die Landwirtschaft, die Kraftwerke und den Transport. Woran viele nicht denken, sind die natürlichen und naturnahen Ökosysteme, die auch knapp werden. Sie sind einmalig und unersetzlich und müssen bewahrt werden.

Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Roland Psenner studierte Mikrobiologie, Biochemie und Limnologie an der Universität Innsbruck (1976). 1997 wurde er von einer Forschungsposition an der Akademie der Wissenschaften als Professor für Limnologie an die Universität Innsbruck berufen. Seit 1990 untersucht er im Rahmen von EU-Projekten Hochgebirgsseen. Er ist Präsident des Internationalen Komitees für Alpenforschung und leitet seit März 2006 die Forschungsplattform Alpiner Raum - Mensch & Umwelt an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
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