Erdbeerland Grabsteinland: Evelyn Schlag im Interview

28. Juni 2007, 17:10
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Im Roman "Architektur einer Liebe" trifft Hightech-Architektur auf regionales Bauen - eine schwierige Beziehung

... die nun auch als Hörbuch erschien. Am Donnerstag liest Evelyn Schlag in Graz. Lyrik.


Wien – Der Coup de foudre, der berüchtigte Blitzschlag der "Liebe auf den ersten Blick" zündet gewöhnlich dort, wo sein Lodern Quoten und Auflagen erhitzt: Im Groschenroman und im Hauptabendprogramm des Fernsehens. Die Reflexion indes, eine differenziertere Betrachtung des Phänomens, scheint vom Feuer seines Strahls versengt.

Die niederösterreichische Autorin Evelyn Schlag wildert seit nunmehr 26 Jahren lustvoll im verbotenen Terrain: Von ihrer ersten Erzählung "Nachhilfe" 1981 an experimentierte sie mit der Begegnung der Geschlechter als jenem Epizentrum der Erschütterung, aus dem ihre Bücher – Erzählungen, Romane und viele ihrer Gedicht-Zyklen – die Dynamik herleiten.

Die Verschiebung weniger Parameter genügt, die rosa Blase der Illusion zum Platzen zu bringen: Die Austarierung der Gewichte zwischen Mann und Frau, die tiefe psychologische Durchdringung der Charaktere und ihre genaue Verankerung in einem sozialen Umfeld. Vor wenigen Jahren – im Gedichtband "Brauchst du den Schlaf dieser Nacht" (2002) und im daraus hervorgegangenen Roman "Das L in Laura" – hatte sie die Möglichkeiten einer Liebe erkundet, deren Körper allein die Sprache bildet: die intensive Begegnung zweier Autoren, eines homosexuellen englischen Dichters und einer österreichischen Lyrikerin, im virtuellen Raum der E-mails.

In ihrem jüngsten Roman, vom Zsolnay-Verlag etwas spekulativ "Architektur einer Liebe" betitelt, bildet die Architektur den sozialen und metaphorischen Grund der Handlung: Der berühmte Blitz ereilt die in Paris lebende, in Alexandria aufgewachsene, vage an Zara Hadid erinnernde Star-Architektin Vittoria Monti und den steirischen Architekten Wolf de Winter, der sich mit seinem kleinen Zwei-Mann-Büro der Vernacular Architecture, einem Konzept des umgangssprachlichen Bauens verschrieben hat.

Zwei professionelle Gestalter von Lebensraum, denen in der präzisen Verortung der Figuren in den jeweiligen Milieus durch Evelyn Schlag trotz der Nähe der Berufe kaum eine gemeinsame Sprache eignet.


Standard: Hightech-Architektur versus regionales Bauen. Die machtvolle Aneignung fremden Raums wird in Ihrem Roman zu einer Lebensstrategie, die wenig Glück generiert.

Schlag: Das Architektur-Milieu ist ein sehr ironisches, hartes Milieu. Es gestaltet künstliche Welten und beansprucht eine Autorschaft für eine Gegend. Ganze Bereiche werden auf absurde Weise domestiziert. Steinmetzbetriebe, in denen man einen Grabstein zu erwerben genötigt ist, verkaufen sich als Erlebniswelt: Als "Grabsteinland". Erdbeerplantagen sind das "Erdbeerland".

Standard: Eine Oberfläche des fröhlichen Konsums als dürftiger Schutz vor der Begegnung mit dem Tod. Auch die Protagonisten Ihres Romans entgehen dieser Haltung nicht. Die Arbeit an der persönlichen Karriere verhüllt die mögliche Tiefe der Begegnung.

Schlag: Sie gestalten Räume, aber schaffen füreinander keinen gemeinsamen Ort. Ich wollte den Roman ursprünglich "Die erfundenste Stadt" nennen – ein Dostojewskij-Zitat für St. Petersburg. Die Stadt, die nicht langsam und organisch entstand, sondern am Reißbrett entworfen wurde. In der russischen Literatur steht sie aber auch für die Fieberträume, die die weißen Nächte mit ihren langen Dämmerzuständen, das viele Wasser und das ungesunde Klima hervorrufen. Traumgebilde. Man spiegelt sich im Wasser und weiß nicht, wo die Wirklichkeit liegt. Ein schwankendes, unsicheres Herumtappen am Rand der Realität ...

Standard: Auch das als Metapher für die Begegnung?

Schlag: Man sieht und erfährt sich selbst neu. Man hört sich zu, wie man sich darstellt, wie man Vergangenheiten erzählt, Kausalitäten konstruiert. Welche Geschichte man von sich selbst entwirft. Welche Person man präsentiert. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.6.2007)

Termin
Am 21. Juni, liest Evelyn Schlag gemeinsam mit Erwin Einzinger aus den eben entstandenen Gedichten anhand der Präsentation des neuen manuskripte-Bandes (Nr. 176) in Graz: Schauspielhaus (Ebene 3), um 20 Uhr.

Literatur-Tipp
Evelyn Schlag: Architektur einer Liebe, Zsolnay, 328 Seiten/21,90 Euro. Eben erschienen als Hörbuch, gelesen von Judith Jäger. 2 CDs im MP3-Format, Gesamtlaufzeit 13:12 Stunden. Verlag Radioropa, 15 Euro.

Zur Person
Evelyn Schlag wurde 1952 in Waidhofen an der Ybbs geboren, wo sie auch heute lebt. Zuletzt erschienen: "Das L in Laura" Roman, Zsolnay und dtv. "Brauchst du den Schlaf dieser Nacht" Gedichte. Zsolnay 2002.

  • "Steinmetzbetriebe, wo man einen Grabstein erwerben muss, verkaufen sich als Erlebniswelt" – Evelyn Schlag.
    foto: standard / hendrich

    "Steinmetzbetriebe, wo man einen Grabstein erwerben muss, verkaufen sich als Erlebniswelt" – Evelyn Schlag.

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