Event gegen Kunst-Event-Stress

20. Juni 2007, 17:11
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So schrecklich "aufgeregte Kunstsommer" haben bisweilen ihre Nebenwirkungen: Anzengruber-Biennale im Café Anzengruber

So schrecklich "aufgeregte Kunstsommer" haben bisweilen ihre Nebenwirkungen: Um nervöse Anspannung – vielleicht gar Hysterie – zu beseitigen, helfen nur Beruhigungsmittel. Neu ist, dass diese auf den Boden herunterholenden, an das Wesentliche gemahnenden Mittel gegen "Event-Stress" ebenfalls als Events verpackt sind.

Die "Anzengruber Biennale" im Künstlerlokal ist ein augenzwinkernder Kommentar auf die heurigen Großereignisse. "Wegen der Kunst fährt ja niemand, sondern weil es Events sind", kritisiert Rita Vitorelli, Künstlerin und eine der Initiatoren (außerdem: Verena Kaspar, Christian Kobald, Flora Neuwirth, Stefan Sandner, Julia Schulz). Und so "unaufgeregte Projekte, die überhaupt keiner Betriebslogik folgen" brauchen auch nicht ganze 100 Tage dauern, sondern nur drei. So gesehen wäre es auch das "ehrlichere Event", schmunzelt Vitorelli. Und schneller geht’s obendrein: Von der Geburt der Idee im Lokal (am Anfang war das Wort, und das "Wort war so gut") vergingen nur wenige Wochen bis zur Umsetzung. Wichtig ist: keine lange Planung, wenig bis gar nicht kuratieren und Kunst zeigen, die auf das Lokal Bezug nimmt. So wurden zwar Künstler angesprochen, aber im Grunde sei es "fast von selbst gewachsen".

Auch Familie Saric, die das stets gut gefüllte Anzengruber führt, hat sofort Ja gesagt. Neugierig, das kennen zu lernen, was ihre Gäste sonst machen und die Kunst im Lokal einmal fast komplett auszutauschen.

Vieles freilich ist nur für geübte Anzengruber-Besucher als "neu" zu erkennen, gibt sich auf den ersten Blick eher wie Mobiliar. Ein neuer Vorhang etwa (von Christian Kobald), das "Sofia-Schnitzel" auf der Speisekarte, das der bulgarische documenta-12-Teilnehmer Nedko Solakov kreiert, oder gar ein optisch veränderter Stammtisch, dem Flora Neuwirth eine Platte aus Kunststoff verpasst hat. Gottfried Bechtold, den die Idee von Tischskulpturen immer schon interessiert hat, liefert ebensolche aus Gips, und Manfred Pernice funktioniert ein Ölfass zur Lampe um. Auch sonst ist die Künstlerliste erlesen: Biennale-Teilnehmer Hans Schabus, der den Fußball-Schau-Charakter des Anzengrubers betonen wird, neben Richard Hoeck, das Hotel Morphila Orchester (Loys Egg, Peter Weibel) oder Johanna Kandl und Lois & Franziska Weinberger.

"Ohne großen Aufwand und so simpel wie möglich" ist das Prinzip der kleinen, feinen Biennale, die "nicht aus einem Mangel heraus, sondern aus einer Freude heraus" entstanden ist, so Vitorelli. Das ist das Geheimnis. (kafe/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.06.2007)

Anzengruber-Biennale
Café Anzengruber
Bis 23. 6.
1040 Wien, Schleifmühlgasse 19
  • Manchmal regiert im Anzengruber auch König Fußball: Skulptur von Hans Schabus.
    foto: vitorelli

    Manchmal regiert im Anzengruber auch König Fußball: Skulptur von Hans Schabus.

  • Silikonbaum ("Schamanenbaum") von Lois & Franziska Weinberger grüßt Gummibaum. Oben: Marko Lulic.
    foto: vitorelli

    Silikonbaum ("Schamanenbaum") von Lois & Franziska Weinberger grüßt Gummibaum. Oben: Marko Lulic.

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