"Die da drüben"

25. Juli 2007, 14:12
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Dagmar Schwelles Bildband über geteilte Grenzstädte in Europa zeigt Trennlinien in Österreich, Tschechien, Russland oder Polen

Wien - "Die Welt war einmal sehr übersichtlich", schreibt Dagmar Schwelle und meint damit die Zeit, als es noch eine klare Trennung in Ost und West gab. Der Fall des Eisernen Vorhangs hat diese Aufteilung aber zerfleddert und gleichzeitig neue Trennlinien geschaffen. Die frühere Journalistin bei "profil" und "Presse", die heute in Deutschland als freie Fotografin lebt, hat für ihren Bildband "Die da drüben" einige "geteilte Grenzstädte in Europa" besucht.

Was trennt uns schon?

Im Waldviertel war Schwelle in Gmünd und Ceske Velenice. Zwischen den beiden von einer Staats- und Sprachgrenze getrennten Städten pendelt mehrmals täglich ein Schienenbus. Er fährt meistens leer. Neben zahlreichen Bildern, die das Alltagsleben hüben und drüben einfangen, zeigt die Autorin in mehreren Interviews, dass die Distanzen in den Köpfen auch sonst mitunter noch ziemlich groß sind, selbst wenn manche wie die Tschechin Vera Krnakova sagen: "Was trennt uns schon? Nur die Luznice (Lainsitz)."

Menschen wie Krnakova sind aber eher Ausnahme, ihr verstorbener Mann war schon vor der Wende öfters nach Gmünd gefahren, um Briefmarken zu tauschen. Im Grunde aber ist die Lage zwischen Gmünd/Ceske Velenice für Schwelle so: "Das Flüsschen Lainsitz/Luznice (...) hat alle klassischen Karriereschritte eines Grenzgewässers absolviert. Die Menschen an seinen Ufern haben dabei bloß vergessen, wie zwangloser Umgang miteinander funktioniert."

Grenze dicht gemacht

"Die da drüben" gibt es aber auch an der estnisch-russischen Grenze, wo zwischen den Städte Narva (nunmehr Estland) und Iwangorod (nunmehr Russland) hautnah betroffen. Gab es zu Zeiten der UdSSR ein ständiges Wechseln von hüben nach drüben, so werden die einstigen Zwillingsstädte einander nun zunehmend fremd. Die BewohnerInnen von Iwangorod pendelten früher täglich in die Fabriken nach Narva, die von Narva besuchten ihre Schrebergärten und Wochenendhäuschen in Iwangorod. Bis 1991 zumindest. Mit der Eigenständigkeit Estlands wurde die Grenze praktisch dicht gemacht.

Auch zwischen Estland und Lettland gibt es einen Riss. Die von deutschen Händlern gegründete Stadt Valka wurde mit dem Fall der Sowjetunion zwischen beiden Ländern aufgeteilt und die Grenze verläuft nun quer durch Siedlungen, Bauernhöfe, Ställe, Heustadeln und Rübenäcker. Der Mensch spielte dabei keine Rolle und Besuche bei Freundinnen, Freunden oder Verwandten wurden zum Spießrutenlauf durch die Bürokratie. Die Hoffnung trägt in diesem Fall den Namen "Schengen".

Und dann ist noch Guben in Deutschland und Gubin in Polen. Da wagt wenigstens so manche/r deutsche/r Jugendliche/r den Blick auf die andere Seite und meint: "Da gibt es Leute, die in Ordnung sind." Das Problem, meint Dagmar Schwelle, liegt aber woanders. Nämlich darin, dass "kaum etwas einen jungen, grundsätzlich aufgeschlossenen Menschen in Guben hält." (APA)

Link

Dagmar Schwelle

"Die da drüben. Geteilte Grenzstädte in Europa."
Edition Fotohof im Otto Müller Verlag, Salzburg 2007.
ISBN-978-3-7013-1128-6
136 Seiten, 120 Farbfotos, 36 Euro
  • Die Autorin zeigt in mehreren Interviews, dass die
Distanzen über die Landesgrenzen hinweg in den Köpfen mitunter noch ziemlich groß sind.
    bild: buchcover/dagmar schwelle
    Die Autorin zeigt in mehreren Interviews, dass die Distanzen über die Landesgrenzen hinweg in den Köpfen mitunter noch ziemlich groß sind.
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