Der Feind in meinem Feld

19. Juni 2007, 22:01
posten

Tullner Forscher bekämpfen mit High-Tech den Pilzbefall der Nutzpflanzen

Wissenschafter des Interuniversitären Forschungsinstitutes für Agrarbiotechnologie (IFA) in Tulln kämpfen gegen Pilzerkrankungen von Nutzpflanzen. Das tun weltweit viele Forscher, doch die Tullner haben eine umfassende Strategie entwickelt - und sie bekommen ein High-Tech-Gerät zur Unterstützung.

So wollen sie die Fusarien, eine regelrechte Seuche, bekämpfen: Die Pilze befallen Getreide wie Weizen und Gerste oder auch Mais. Die Pflanzen überleben den Befall, doch für die Konsumenten sind die Pilz-Rückstände ungesund: Sie können das Immunsystem des Menschen schädigen, sein Hormonsystem durcheinander bringen oder gar Krebs erregen. Deshalb gibt es für Pilzrückstände strenge Grenzwerte, und deshalb suchen Forscher nach Methoden, die lästigen Schädlinge los zu werden.

Am IFA, einer am Technopol Tulln beheimateten Außenstelle der Universität für Bodenkultur, wird bereits seit zwölf Jahren an Fusarien geforscht. In dieser Zeit haben die Wissenschafter unter anderem heraus gefunden, wie sie Pflanzen absichtlich infizieren können - eine für die weitere Forschung unerlässliche Fertigkeit. Nun haben sich drei der insgesamt fünf IFA-Institute gleichsam zu einer Fusarien-Taskforce zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen die Forscher den Schädling von mehreren Seiten in Angriff nehmen.

"Dank unserer neuen Ausstattung können wir dabei völlig neue Ansätze verfolgen", freut sich IFA-Forscher Marc Lemmens. Niederösterreich fördert den Pilz-Feldzug mit mehr als einer Million Euro, erste Ergebnisse wollen die Wissenschafter in drei Jahren präsentieren.

Große Hoffnungen hatten Fusarien-Bekämpfer schon in der Vergangenheit: Mit Hilfe von Pflanzenkreuzungen war es ihnen gelungen, Fusarienresistente Pflanzen zu züchten. Doch weil dazu vier Gene eingekreuzt werden müssen, dauert das Verfahren zehn Jahre - und die daraus resultierenden Pflanzen sind nur regional einzusetzen.

Lemmens: "Wir suchen dagegen nach Methoden, die sowohl in Österreich funktionieren als auch beispielsweise in Frankreich." Sein erster Ansatzpunkt im Kampf gegen die Fusarien ist die ökologische Nische, die der Schädling besetzt. Fusarien besetzen jeweils die Frucht ihrer Opfer, also die Getreidekörner. "Wir suchen deshalb nach anderen, harmlosen Organismen, die sich hier ansiedeln und damit den Fusarien den Platz und die Nahrung wegnehmen", erklärt Lemmens. Der Steckbrief der Nischen-Besetzer lautet also: Ist ungiftig, lebt auf Getreidekörnern und ernährt sich - wie die Fusarien - von abgestorbenen Pollen.

In Frage kommen ungefährliche Pilze, Hefearten oder Bakterien. Einmal gefunden, könnten diese gutmütigen Pflanzenbewohner künstlich vermehrt und dann auf den Feldern ausgebracht werden. Ein vergleichbares Verfahren haben IFA-Forscher bereits für den Kampf gegen den Obstschädling "Feuerbrand" entwickelt, der derzeit in der Steiermark wütet. Eine weitere Forschergruppe sucht unterdessen nach neuen biologischen Wirkstoffen, die dem Pilz direkt den Garaus bereiten.

Neue Pilzgifte aus der Natur

Herkömmliche Pilzbekämpfungsmittel können das nicht, sie senken die Pilzbelastung gerade einmal auf die Hälfte. Neue Pilzgifte sollen aus der Natur kommen. Also werden die Wissenschafter zunächst Pflanzen identifizieren, die gegen Fusarien immun sind. Dann werden sie versuchen, das Geheimnis ihrer Widerstandsfähigkeit zu lüften. Dabei hilft das neue, 66.000 Euro teure Hochleistungs-Tandem-Massenspektrometer.

Das Gerät ist nicht nur in der Lage, eine Pflanze in ihre einzelnen biochemischen Bestandteile zu zerlegen und jeden einzelnen zu analysieren - die Maschine kann auch noch einen Teil jeder einzelnen Fraktion ausspucken. "Damit ergeben sich völlig neue Perspektiven", so Lemmens. "Wir können jede in Frage kommende Substanz einzeln hernehmen und überprüfen, wie sie auf Fusarien wirkt." Gut möglich, dass einzelne Substanzen das Wachstum der Pilze hemmen.

Möglich aber auch, dass bei den Tests Pflanzenwirkstoffe auftauchen, die den Fusarien ihre Giftigkeit nehmen. Noch sind diese Bären nicht erlegt, doch wie das Fell zu teilen wäre, hat sich Lemmens schon überlegt. Die IFA würde jede Entdeckung patentieren und dann Know-how vermieten. Für die Nischen-Besetzer kommen nach seiner Meinung kleinere, spezialisierte Firmen in Frage.

Direkt wirksame Pilzvernichter könnten jedoch nur große, global agierende Agro-Konzernen nutzen. "Hier braucht es großen Aufwand, um sicherzustellen, dass diese Substanzen für den Konsumenten völlig ungefährlich sind", so Lemmens. Sonst wären zwar die Fusarien ausgerottet, das tägliche Brot aber immer noch ungesund. (Gottfried Derka/DER STANDARD, Printausgabe, 20. Juni 2007)

  • Ein Versuchsfeld der Forscher des IFA Tulln, die hier nach Mitteln gegen den Fusarienbefall von Nutzpflanzen suchen.
    foto: der standard

    Ein Versuchsfeld der Forscher des IFA Tulln, die hier nach Mitteln gegen den Fusarienbefall von Nutzpflanzen suchen.

Share if you care.