Unterfutter aus dem Kellerlabor

19. Juni 2007, 21:24
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Der Nano-Optiker Joachim Krenn im STANDARD-Interview über seine Arbeit, über Förderung und EU-Netzwerke

Joachim Krenn ist mit 2,03 Metern einer der größten Physiker Österreichs. Auch mit seinen Forschungen ragt der Nano-Optiker heraus und veröffentlichte in renommierten Journalen. Oliver Hochadel sprach mit ihm über seine Arbeit, über Förderung und EU-Netzwerke.

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STANDARD: Das Gebäude der Grazer Physik stammt ja noch aus k. u. k. Zeiten ...

Krenn: Ja, und die Wände sind feucht. Aber ich würde nicht unbesehen mit einem modernen Gebäude tauschen wollen. Die Mauern sind enorm dick, experimentiert wird im Keller, wir haben Nordausrichtung, also auch im Sommer kaum Temperaturschwankungen. Ich kenne nur wenige Industrieräume, die eine derart geringe Gebäudeschwingung haben.

STANDARD: Wie viel Zeit verbringen Sie denn im Keller?

Krenn: Im Labor bin ich maximal eine Stunde pro Tag. Einen Gutteil der Zeit verbringe ich damit, Forschung zu organisieren: Mittel auftreiben und verwalten, Berichte schreiben. Ein Doktorand ist ganz in der Forschung drin, ein Postdoc fast noch exklusiv. Als Senior Scientist aber entfernt man sich mehr und mehr vom Experimentieren, vom Schrauben herumdrehen und den Laser einjustieren. Man wird halt so lange befördert, bis man auf eine Position kommt, für die man ungeeignet ist.

STANDARD: Ist das frustrierend?

Krenn: Überhaupt nicht, das war ja meine Wahl. Ich manage gerne. Allein vermag ich im Labor nur wenig zu bewegen, wenn ich andere koordiniere, um vieles mehr. So kann ich meine Ideen und Vorstellungen verwirklichen. Und maximal eine Stunde pro Tag ins Labor heißt ja nicht, dass ich den Rest der Zeit ausschließlich Budgets kalkuliere oder Formulare ausfülle. Das wäre ein Albtraum.

Ich verbringe immer noch viel Zeit mit Wissenschaft, mit dem Schreiben von Publikationen, in der Diskussion mit Studierenden und Postdocs, oder ein Mitarbeiter holt mich zu einem Experiment. Ich habe doch mehr Erfahrung, was die Interpretation von Daten angeht, das verliert man über die Jahre nicht.

STANDARD: Betreiben Sie Grundlagen- oder angewandte Forschung?

Krenn: Die Grenzen werden durchlässig. Wir machen in beiden unserer Hauptarbeitsfelder angewandte Grundlagenforschung. Die metallischen Nanopartikel finden in der Biosensorik unmittelbare Anwendung. Die Oberflächenphotonik der Plasmonen zielt etwa in Richtung optischer Computer. Da ergeben sich Kontakte mit der Industrie. In einem Projekt arbeiten wir etwa an optischen Verbindungen von Chip zu Chip.

STANDARD: Lenken mögliche spätere Anwendungen Ihr Forschungsinteresse?

Krenn: Es kann eine Rolle spielen. Aber an sich bin ich Grundlagenforscher. Ich habe die Freiheit, mit meiner Kreativität, meiner Intuition, meinem Wissen im Grunde das machen zu können, was ich will. Aus dem Kontext gerissen sollte man das natürlich nicht laut sagen. Genau diese Möglichkeiten möchte ich mir erhalten. Es ist aber auch völlig okay, wenn ein Forscher von der Firma X eine Million für eine stark angewandte Forschungsfrage erhält. Es muss diese Diversifikation geben.

STANDARD: Sind angewandte und Grundlagenforschung hierzulande gut austariert?

Krenn: In den letzten zehn Jahren der nationalen, aber auch der EU-Forschungspolitik herrschte das Mantra der Anwendung. Erst seit Kurzem, mit dem 7. Rahmenprogramm, wird die Grundlagenforschung wieder stark gefördert, weil man erkannt hat, dass es davon einen gesunden Anteil braucht. Diese reine Grundlagenforschung kann für etwas gut sein, muss sie aber nicht. Aber in jedem Fall ist sie letztlich die Basis jeglicher Anwendung. Die Industrie denkt im Rahmen weniger Jahre. Konzentrierte man alle Forschung darauf, würde in zehn Jahren das Unterfutter fehlen. Dann kämen alle Patente aus den USA und Asien.

STANDARD: Welche Erfahrungen haben Sie mit Projekten auf EU-Ebene?

Krenn: Es kann funktionieren, muss es aber nicht. Die EU richtet ja ihre Rahmenforschungsprogramme ständig neu aus, weil es wieder einmal nicht geklappt hat. Es sollte inhaltliche Gründe geben, damit sich Forschergruppen aus verschiedenen Mitgliedsländern zusammentun. Oft dient das Partnerfinden aber nur dazu, die Fördermittel zu akquirieren. Das ist legitim, ich habe das teilweise auch gemacht, es funktioniert oft nicht anders.

STANDARD: Ihre Arbeitsgruppe ist Teil eines Network of Excellence der EU?

Krenn: Ja, unser Netzwerk "Plasmo Nano Devices" mit insgesamt 17 Partnern aus acht Ländern funktioniert sehr gut. Das scheint bei diesem Instrument des 6. Rahmenprogramms eher die Ausnahme zu sein. Wir haben eine eigene Verwaltungsstruktur, da war nichts vorgegeben. Das Geld wird nicht automatisch ausgeteilt, sondern kompetitiv vergeben.

Um schnell reagieren zu können, etwa wenn jemand einen Postdoc behalten will, um an einem Experiment weiterzuarbeiten, machen wir pro Jahr drei interne Ausschreibungen. Die Partner innerhalb des Netzwerkes müssen also mit guten Vorschlägen aufwarten und um die Mittel konkurrieren.

STANDARD: Kommt es da nicht zu Spannungen?

Krenn: Am Anfang dachte ich, wir werden die schlimmsten Feinde. Aber es ist das effizienteste System, das ich bei einer internationalen Zusammenarbeit gesehen habe. Einer der Gründe dafür ist, dass sich die Hälfte der Mitglieder des Netzwerkes vorher kannte. Ich weiß, wenn ich für ein bestimmtes Experiment eine Ionenstrahlanlage brauche, dann fahre ich nach Straßburg. Und wenn ich eine theoretische Simulation zu metallischen Nanostrukturen brauche, rufe ich in Madrid an. (DER STANDARD, Printausgabe, 20. Juni 2007)

Zur Person
Joachim Krenn (40) leitet seit 1999 die Arbeitsgruppe Nano-Optik am Institut für Physik der Universität Graz. Dort hat er auch seine akademische Ausbildung durchlaufen, vom Physikstudium zum außerordentlichen Professor.

Der gebürtige Judenburger war mehrmals Gastprofessor an der Universität von Dijon und 2003 auch in Paris. 2003 erhielt er auch den Steirischen Forschungspreis für Nanowissenschaft und Nanotechnologie. Seit 2004 ist seine Arbeitsgruppe Teil des EU Network of Excellence "Plasmo-Nano- Devices". (oh)

  • Der Steirer Joachim Krenn verbringt nur eine Stunde pro Tag im Labor. Die verbleibende Zeit ist er mit Organisationsarbeiten und mit dem Schreiben von Publikationen beschäftigt.
    foto: der standardchristian jungwirth

    Der Steirer Joachim Krenn verbringt nur eine Stunde pro Tag im Labor. Die verbleibende Zeit ist er mit Organisationsarbeiten und mit dem Schreiben von Publikationen beschäftigt.

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