Die Welt regional verstehen

19. Juni 2007, 20:43
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Gottfried Kirchengast und Andreas Gobiet vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel im STANDARD-Interview

Gottfried Kirchengast und Andreas Gobiet vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel sprachen mit Marijana Miljkovic über die Wichtigkeit regionaler Klimamodelle.

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Im Fünfminutentakt werden von den 150 Messstationen des Wegener Net im Bezirk Feldbach Temperatur, Windstärke, Niederschlag und Luftfeuchtigkeit gemessen, mit dem Zweck, genaue Klima- und Wetterdaten der Region zu sammeln. Mit diesen Messungen wird die Klimamodellierung in einer kleinen Auflösung möglich, die es bisher noch nicht gegeben hat.

STANDARD: Kann man diese Ergebnisse übers Klima, die in der Steiermark gesammelt wurden, beispielsweise auf die Alpenregion übertragen?

Kirchengast: Modellieren ist nichts anderes, als dass mir ein Modell in einem Gebiet, das ich nicht direkt beobachte, sagt, wie das Wetter oder Klima wird. Die Übertragung funktioniert so: Wenn das Messnetz den Zweck hat, die Modellierung von Wetter und Klima realitätsnäher zu machen, kommt das auch anderen Modellregionen in Österreich zugute. Zum Beispiel: Für ein Gebiet in Oberösterreiche sehe ich, dass die Niederschlagsverteilungen zunächst überhaupt nicht gestimmt haben. Dank des Messnetzes bringe ich eine Modellierung auf feiner, räumlicher Auflösung dann viel besser zusammen.

STANDARD: Man verwendet dann die gesammelten Daten und zeichnet Szenarien?

Gobiet: Hier werden Computermodelle genützt, um Aussagen zum zukünftigen Klima zu machen. Diese Modelle kann man verbessern, indem man vergangene Perioden simuliert und mit Beobachtungen vergleicht. Das geht Hand in Hand mit den Fortschritten der Klimamodellierung. Derzeit arbeiten die feinsten Klimamodelle auf Gittern mit zehn bis 25 Kilometern Punktabstand. Aber man versucht, auf diese Ein-Kilometer-Auflösung zu kommen. Die Computer werden immer besser, und die Skala wird immer kleiner.

STANDARD: Um auf die Testregion zurückzukommen: Was ist der Nutzen, den zum Beispiel die Landwirtschaft daraus hat?

Kirchengast: Wir setzen einen Forschungsschwerpunkt in der Region Südoststeiermark und fragen: Welche Folgen sind bei welchen Änderungen zu erwarten, wie sind die sozioökonomischen Auswirkungen, wie hängen Teilbereiche, darunter die Landwirtschaft, vom Klimawandel und anderen Änderungen ab?

STANDARD: Gibt es auf diese Fragen schon Antworten?

Kirchengast: Es gab eine Studie zum Thema: Wie kann ich in Anbetracht der Zunahme von extremen Wetterereignissen die Versicherunsstruktur verbessern, was bedeuten Trockenheitsrisiken oder Hochwasserrisiken? Diese Ergebnisse haben unterstützt, dass in Österreich ein Versicherungsverein gegründet wird, um gegen diese Art von Naturrisiken eine Pflichtversicherung zu ermöglichen.

Gobiet: Für genau diese Region wurde in Zusammenarbeit mit Joanneum Research auch untersucht, welche Optionen die Wasserversorgung hat. Hier ist herausgekommen, dass, wenn es nur ein wenig trockener wird, keine Optionen mehr bestehen, das Grundwasser stärker zu nutzen. Man wird nach anderen Lösungen suchen. Für viele Obstbauern wird interessant, was für Sorten in Zukunft gut gedeihen werden.

Kirchengast: Insgesamt geht es beim Wegener Net darum, wie ich Klima besser verstehen und vorhersagen und die Unsicherheiten verkleinern kann. Wir gehen davon weg zu sagen: Das muss man machen. Aus den Ergebnissen kann ein Bundesland, ein Wirtschaftsbetrieb, ein Touristikbetrieb mit seinen Gestaltungsmöglichkeiten dann Maßnahmen ableiten.

STANDARD: Ist es ein langer Weg dahin, dass Klimawandel wahrgenommen wird?

Kirchengast: Das Bewusstsein ist da, aber die Kluft zum Verhalten ist noch lange nicht überbrückt. Das ist aber nötig, wir müssen handeln. Sowohl beim Klimaschutz als auch bei der Anpassung an Klimaänderungen.

Gobiet: Je regionaler und konkreter das Verständnis ist, je spezifischer wir Aussagen machen können, desto eher wird das Bewusstsein da sein. Dass die globale Temperatur steigt, das ist für die Leute eine Zahl und mehr nicht. Aber wenn da eine Plantage steht, die in zehn Jahren von Schädlingen weggefressen sein wird, dann müssen sie etwas tun. (DER STANDARD, Printausgabe, 20. Juni 2007)

Zur Person
  • Univ.-Prof. Dr. Gottfried Kirchengast, geboren 1965 in Feldbach, ist Leiter des Wegener Center für Klima und Globalen Wandel und Professor für Geophysik an der Universität Graz. Das Wegener Center, wo rund 40 Forscher arbeiten, wurde 2005 eröffnet. Die Idee zum interdisziplinären Zentrum hatte Kirchengast bereits 1998. Er leitet auch das Projekt Wegener Net.

  • Dr. Andreas Gobiet, Jahrgang 1969, ist Gründer und Leiter der seit 2005 bestehenden Forschungsgruppe für Regionale und Lokale Klimamodellierung und -analyse am Wegener Center. (mil)

    • Andreas Gobiet (links) und Gottfried Kirchengast (rechts) entwickeln mit dem Wegener Net ein Vorhersagesystem für das Klima. Die Forschung steht noch am Anfang.
      foto: der standard/marijana miljkovic

      Andreas Gobiet (links) und Gottfried Kirchengast (rechts) entwickeln mit dem Wegener Net ein Vorhersagesystem für das Klima. Die Forschung steht noch am Anfang.

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