"Heuer sind wir früher dran"

19. Juni 2007, 20:19
21 Postings

Im südsteirischen Hügelland gedeihen seit einigen Jahren Wein-Sorten, die sich in trockeneren Gebieten wohler fühlen - Bezirk Feldbach zum Testgebiet erklärt

Das südsteirische Hügelland ist untrennbar mit dem Wein verbunden. Dort gedeihen seit einigen Jahren Sorten, die sich in trockeneren Gebieten wohler fühlen. Um den Klimawandel messbar zu machen, wurde der Bezirk Feldbach zum Testgebiet erklärt.

*****

In der Südsteiermark, auf ihren sanften Hängen, ist der Wein zu Hause. Entlang der ehemaligen Römerstraße, das Nachbarland Slowenien und die Windischen Bühel in Sichtweite, erstrecken sich die Weingärten, soweit das Auge reicht. Wie mit dem Lineal gezeichnet prägen sie die Landschaft, und nur ab und zu, wenn der Blick der Vorbeifahrenden auf der Weinstraße einen Obstbaum oder einen Wald streift, wird er der Vielfalt der Gegend gewahr.

Das Gebiet, jenes von Ehrenhausen nach Pössnitz im Blick, bezeichnet man als illyrischen Mischtyp, sagt Herbert Bödendorfer, pensionierter Geografielehrer und seit acht Jahren auch Anrainer auf einem dieser Hügel. Der illyrische Mischtyp sind die drei Ws - Wein, Wiese, Wald - und Obstgärten. "Aber immer mehr Wein, weil das das Einzige ist, womit der Bauer ein Geschäft machen kann." Wenn man sehen wolle, wie der Mischtyp einmal ausgesehen hat, dann müsse man auf die slowenische Seite schauen, sagt er und macht eine Kopfbewegung.

Die Erfolgreichen wie Polz und Tement haben Keller gebaut, die vielen allein schon wegen der Architektur eine Reise wert sind, erzählt er. "Das war wichtig, weil dadurch der südsteirische Wein zu einer Marke geworden ist." Doch was er bedauert, ist, dass auf den Hängen "hochchemisierte Monokulturen wachsen. Da kreucht und fleucht kein Tier mehr."

Doch hie und da lassen sich neben den Hängen der industriellen Weinproduktion, die bewirkte, dass in der ehemals ärmlichen Gegend die Grundstückspreise in die Höhe schnellten, auch Bio-Weingärten finden, und "da riecht und sieht man den Unterschied", weist Bödendorfer auf den Unterschied zwischen den braunen und den grünen Gärten hin. Während er durch die Gemeinde Ratsch fährt, erzählt er: "Im April beginnt die grausamste Zeit. Da beginnen sie mit dem Round-up und sprühen das gesamte Unkraut weg. Und in den Tagen darauf wird alles braun."

Nicht so bei Manfred Birnstingl, der seit Ende der 1980er- Jahre auf noch grünen Hängen Cabernet Sauvignon anbaut. Der Rotwein gedeiht am besten in den trockenen Gebieten, in Italien, Spanien oder Frankreich, sagt der Weinbauer und zeigt auf seine 20 Jahre alten, bereits knorrigen Stöcke. "Irgendwann wollte ich aber wissen, ob das auch bei uns möglich ist." "Bei uns, da herrscht ein gemäßigtes Klima vor, ein Cabernet Sauvignon ist eher ein Nischenprodukt in einer Weißweingegend", sagt Birn-stingl "Ich hätte mich in den 70er-Jahren nie getraut, einen Rotwein anzupflanzen, schon gar nicht einen Spätreifenden, weil damals kalte Jahre waren, im Vergleich zu jetzt."

Natürlich habe es Ausreißer wie 2004 gegeben, aber 2000 und 2003 "waren Spitzenjahrgänge". Mitte April war die Vegetation dort, wo sie sonst erst Anfang Mai gewesen wäre. "Der Vorsprung, den wir jetzt haben, ist nicht mehr aufzuhalten. Man sagt ja: Ein Tag im Frühjahr sind drei Tage im Herbst", erzählt der Pössnitzer. "Ob Klimawandel oder nicht ..." lässt Birnstingl den Satz unvollendet bevor er fortfährt: "2003 haben wir in der zweiten Septemberwoche Welschriesling geerntet. Wir haben das auch schon zu Allerheiligen gemacht, nur zum Vergleich", gibt er einen Hinweis. "Nachweislich ist im Mittelalter bis nach Bruck hinauf Wein angebaut worden."

Ein paar Hügel weiter, in Leutschach, hat Thomas Menhard sein Anbaugebiet. Er mäht das Gras nur in jeder zweiten Rebenreihe, damit die Insekten und Tiere in Sicherheit springen können, bevor die andere drankommt. Der Grund dieser Vorsicht ist, dass Menhard nicht mit Spritzmitteln arbeitet, sondern biologisch. Sein Wein ist auch Biowein. "Es muss nicht alles wie am Schnürchen sein, es soll auch ein bisschen leben", sagt Menhard. Vor 15 Jahren hat er mit dem biologischen Weinanbau begonnen, "da haben wir ihn gar nicht als Biowein deklariert". Mittlerweile ist Biowein ein Trend, und "viele Bauern verkaufen Bio, was gar nicht Bio ist", schüttelt er den Kopf über einige Zunftkollegen und wechselt das Thema: "Der Lesetermin ist viel früher." Menhard geleitet seine Gäste noch aus dem Weingarten zu seinem Haus, in dessen Vorgarten gelbe Zitronen aus einem großen Topf baumeln.

Klimagebiet Feldbach

87 Kilometer nordöstlich von Menhards Weingut ist Feldbach. Das gesamte Bezirksgebiet wurde zum Testgebiet erklärt, wo das Wegener Center der Universität Graz 150 Wetter- und Klimastationen aufgestellt hat, um die Wetter- und Klimaentwicklung zu messen (siehe Interview rechts). Die Bevölkerung hat die Idee, Testgebiet zu sein, positiv aufgenommen, erzählen die Studenten Thomas Kabas und Sophie Binder, und hat unbebaute Flächen, ohne Wald oder Acker in der Nähe, für die Forschung zur Verfügung gestellt.

2007 läuft noch die Testphase, sagt der Doktorand Thomas Kabas und erklärt, warum gerade Feldbach als Testgebiet ausgewählt wurde: "Es ist die Landschaft selbst, nicht Hochgebirge, nicht Ebene, ein Mittelding." "Das Gebiet ist anfällig für Klimaschwankungen, wo es auch oft hagelt", ergänzt Sophie Binder, seine Kollegin. An jeder zweiten Station, welche mit Sim-Karten ausgestattet sind und regelmäßig Messdaten an den Zentralcomputer senden, wird deswegen auch der Hagelniederschlag gemessen. "Am meisten Interesse zeigen die Landwirte, die hier noch stark vertreten sind", sagt Binder. Diesen sollen die Daten beispielsweise darüber Auskunft geben, was sie anbauen sollen, wenn sich die klimatischen Bedingungen ändern. (Marijana Miljkovic/DER STANDARD, Printausgabe, 20. Juni 2007)

Klimawandel in Österreich, Teil 4
  • Weinbau hat es in der Südsteiermark – nicht Hochgebirge, nicht Ebene, mehr ein "Mittelding" – schon immer gegeben, dass der Welschriesling schon im September gelesen werden kann, aber nicht.
    foto: der standard/bödendorfer

    Weinbau hat es in der Südsteiermark – nicht Hochgebirge, nicht Ebene, mehr ein "Mittelding" – schon immer gegeben, dass der Welschriesling schon im September gelesen werden kann, aber nicht.

  • Artikelbild
    foto: der standard/bödendorfer
Share if you care.