"steirischer herbst"-Intendantin: "Graz ist sehr beschaulich"

26. Juni 2007, 13:43
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Veronica Kaup-Hasler reagiert auf die Politik: Da die Subventionen auf den Stand von 1997 zurückgefahren wurden, zieht sie sich auf Graz zurück

Und ist im Gespräch mit Thomas Trenkler gespannt, was die neue erfundene Regionale bieten wird.


Standard: Der steirische Kulturlandesrat Kurt Flecker hat die Regionale ausgerufen – als Ersatz für die Landesausstellungen. Ist dieses Festival nicht ein Konkurrenzunternehmen zum herbst, der sehr wohl immer versucht hat, auch regionale Schwerpunkte zu setzen?

Kaup-Hasler: Die Landesausstellungen abzuschaffen war ein richtiger Schritt. Die Gründung der Regionale scheint trotzdem ein Schnellschuss zu sein. Einen Intendanten zu bestellen, der nicht für sein eigenes künstlerisches Konzept steht, sondern auf Projekte von anderen reagieren muss: Das ist für mich ein Novum.

Ich habe zudem meine Zweifel, ob es richtig ist, von der Stadt aus einer Region etwas aufzusetzen. Es ist, meiner Meinung nach, viel soziokulturelle Arbeit notwendig, damit man überhaupt die Potenziale einer Region erkennen kann! Aber die Regionale findet bereits nächstes Jahr statt. Es soll, wie ich höre, ein interdisziplinäres, zeitgenössisches Festival in der Steiermark sein: Diese äußeren Parameter entsprechen also dem herbst. Aber ich weiß bisher viel zu wenig von einer künstlerischen Konzeption. Ich bin daher noch sehr entspannt.

Standard: Flecker stellt der Regionale vier Millionen Euro zur Verfügung. Und dem herbst?

Kaup-Hasler: 1,55 Millionen inklusive der Sondermittel für den 40. herbst. Mein Gesamtbudget – inklusive Einnahmen und Sponsorgeldern – liegt bei 3,2 Millionen. 2,8 Millionen kommen von der öffentlichen Hand: Den gleichen Betrag bekam der herbst bereits vor einem Jahrzehnt. Es ist schon ein Wermutstropfen, wenn ich meine Aufgabe, auch am Land Zeichen zu setzen, aufgrund der budgetären Situation nicht erfüllen kann. Ich kann gar nicht anders, als zu sagen: Ich ziehe mich zurück, der herbst ist ein urbanes Festival – und es gibt nur ein paar zarte Liaisonen mit der Provinz.

Standard: Was ist ein urbanes Festival? Gibt es überhaupt noch die Künstlerschaft dafür in Graz? Die zentralen Künstler der letzten Jahrzehnte sind tot oder weggezogen ...

Kaup-Hasler: Heutzutage sind die Menschen – zum Glück – viel mobiler. Es gibt daher einen Metropolen-Zuzug: Wien hat eine unglaubliche Sogkraft. Graz hingegen ist sehr beschaulich. Das fängt schon bei der ÖBB und der internationalen Anbindung an. Da kann man hier nur weinen! Aber es gibt in Graz zum Beispiel eine tolle elektroakustische Szene, die ihresgleichen sucht, und in der bildenden Kunst eine Reihe sehr interessanter, international agierender Player: Kunstverein, Neue Galerie, Kunsthaus und ganz besonders Camera Austria. Diese Institutionen sind zum Teil leider hier unterschätzt.

Standard: Das Forum hat aber an Strahlkraft verloren.

Kaup-Hasler: Es gibt dort eine junge, stark soziokulturell agierende Szene. Man kann die Konzeption des Forum Stadtpark nicht mehr vergleichen mit Zeiten, in denen das Haus an exponierte Künstlerpersönlichkeiten gebunden war. Es hat sich verändert.

Standard: Ohne Forum hätte es einst gar keinen steirischen herbst gegeben. Wie gedenkt man heuer der 40 Jahre?

Kaup-Hasler: Sicher nicht mit klassischen Jubiläumsgedenkausstellungen mit Archivmaterial! Wir nutzen den Anlass produktiv: In der Ausstellung Reading Back and Forth beschäftigen sich sieben Künstler mit einer Schlüsselfrage des herbst, mit dem Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit. Und plan b, ein britisches Künstlerduo, sammelte zahlreiche Geschichten über das Festival: Auf einer Audio Tour mit GPS kann man sich das an den Orten, wo die Ereignisse stattgefunden haben, anhören. Und dann gibt es mehrere Produktionen, die sich mit dem Begriff der Avantgarde auseinandersetzen, etwa tempo 76 von Mathilde Monnier.

Standard: Viele Jahre hat der herbst die Konfrontation mit der Bevölkerung im öffentlichen Raum nicht so sehr gesucht, aber gefunden. Im letzten Jahrzehnt zog sich das Festival in seine Räume zurück. Warum eigentlich?

Kaup-Hasler: Damals gab es noch nicht eine derart eventisierte Performance- und Theaterlandschaft: Jede Aktion bekam automatisch Aufmerksamkeit. Heute gähnt man doch nur noch, wenn einer die Hose runterlässt. Aber ich möchte mit dem Festival soziale Räume schaffen, die vorher nicht bestanden haben – und danach nicht mehr bestehen werden. Ein zentrales Projekt ist der Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen: 100 Experten stellen ihr Wissen einem Menschen eine halbe Stunde zur Verfügung – für einen Euro. Auf diese Art und Weise holt man das Potenzial einer Stadt an einem Ort, dem Orpheum, für einen Abend zusammen. Und ein Zeichen im öffentlichen Raum setzen wir mit unserem Festivalzentrum, dem Theatre, einem Projekt zweier schwedischen Künstler: Das mobile Theatergebäude ist zugleich Architektur und Performance.

Standard: Das "Theatre" wird am Karmeliterplatz stehen – direkt vor dem ÖVP-Zentrale.

Kaup-Hasler: Ich habe den Ort nicht nach diesem Gesichtspunkt ausgewählt. Ich wollte einen zentralen Ort. ZUR PERSON: Veronica Kaup-Hasler, geboren1968 in Dresden, ist seit 2006 Intendantin des steirischen herbst. Zuvor war sie unter anderem Dramaturgin bei den Wiener Festwochen, und Leiterin des internationalen Festivals Theaterformen in Hannover und Braunschweig.


Nahe genug am Puls der Zeit
Zum Programm des Jubiläumsjahres

Graz – Ist die Türkei nahe genug? Und wie verhält es sich mit dem steirischen herbst? Nahe genug sein: Das ist für Veronica Kaup-Hasler, die Intendantin des Festivals für zeitgenössische Kunst, "Bewegung zueinander und voneinander weg". Weil der interdisziplinäre herbst so schwer zu fassen sei: Deshalb wählte sie für die diesjährige Ausgabe das Leitmotiv "Nahe genug".

Ganz nahe gehen die drei Klangkünstler von Staalplaat Soundsystem: Zur Eröffnung am 20. September verwenden sie die Helmut-List-Halle samt Eigengeräuschen als Klangkörper. Auf Tuchfühlung geht der herbst auch mit einer Intervention im öffentlichen Raum: Am Karmeliterplatz errichtet das schwedische Team International Festival The Theatre, ein mobiles Theater, das Architektur und Performance zugleich ist. Nach der Programmpressekonferenz am Montag wurde die Baustelle in Betrieb genommen.

Auf hohes Publikumsinteresse hofft der herbst auch mit dem bereits achten Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissenvon Hannah Hurtzig: Im Orpheum kann man sich am 30. September um einen Euro von einem der 100 versammelten Experten eine halbe Stunde lang dessen Erkenntnisse zum Thema "Die Gabe und andere Verletzungen des Tauschprinzips" erklären lassen. Um seinen Lieblingsexperten buchen zu können, ist man aber vielleicht zur Bestechung gezwungen ...

Das 40-Jahr-Jubiläum (der erste "offizielle" herbst fand 1968 statt) begeht das Festival u. a. im Rahmen des Musikprotokolls mit der Uraufführung eines Liederzyklus von Friedrich Cerha nach Gedichten des Mitbegründers Emil Breisach und zwei Tanzproduktionen, in denen die "Moderne" hinterfragt wird. Die Baktruppen etwa, deren Mitglieder bereits Bauch angesetzt haben, tanzen augenzwinkernd eine Choreographie von Merce Cunningham.

Zur Uraufführung gelangen unter anderem verschwinden der jungen Grazerin Gerhild Steinbuch über den Antigone-Mythos, die Musical-Performance feminine delight von Poelstra/Steijn/Siewert und Zwischen Knochen und Raketen des Theaters im Bahnhof. Als Entdeckung präsentiert der steirische herbst stolz drei Stücke über Liebe und Tod der jungen argentinischen Autorin Lola Arias. (trenk / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.6.2007)

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    "Heute gähnt man doch nur noch, wenn einer die Hose runterlässt": Intendantin Veronika Kaup-Hasler über die Schwierigkeiten mit Kunst im öffentlichen Raum.

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    grafik: steirischer herbst
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