Ein Schuss auf den Papierenen

30. Juli 2007, 19:28
43 Postings

Das Schussattentat auf den Fußball spielenden Buben geschah just dort, wo Österreichs Wunderteam-Stürmer Matthias Sindelar einst dem Fetzenlaberl hinterherjagte

Wien-Favoriten - Der Bub, auf den in einem Wiener Gemeindebau geschossen worden ist, hat - das war offensichtlich der Anlass für diese Wahnsinnstat - gespielt.

Aber als wäre diese Unglaublichkeit nicht entsetzlich genug, hat der Zufall - das Schicksal oder was auch immer - es gewollt, mit der Wahl des Tatortes eine Art Symbol über Wien zu hängen. Denn hier, wo dieser kleine Bub Fußball gespielt hat, hat der österreichische Fußball insgesamt, so er überhaupt ein Herz hat, sein Herz vergraben.

Quellenstraße 24, 24 A und 24 B. Hier erstreckte sich einst, von der Steudelgasse bis hinüber zum Wasserreservoir, von der Quellenstraße hinunter zur Gudrunstraße, die so genannte Steinmetzwiese. Und hier ballesterte von Kind auf einer, der später zum Inbegriff österreichischer Fußballkunst werden sollte: Matthias Sindelar, der Papierene.

Geboren war er freilich anderswo. Erst mit zwei Jahren zog er mit seinen Eltern von dem kleinen Dorf bei Jihlava/Iglau in die Quellenstraße. Bis zu seinem Tod im Jahr 1939 lebte er hier im Parterre des Eckhauses zur Steudelgasse. Und gegenüber lag die Steinmetzwiese.

Sportclub Hertha

Nachdem der Favoritner AC schon vorm Ersten Weltkrieg hier seinen Platz errichtete, den wenig später die Armee in Anspruch nahm, siedelte sich nach dem Krieg der Sportclub Hertha an, jener Verein, bei dem Matthias Sindelar groß wurde und von dem er 1924 zur Austria wechselte.

Der Hertha-Platz musste 1928 geräumt werden. Daneben errichtete die Gemeinde gerade eine neue Wohnhausanlage - Quellenstraße 24. Und auf dem Hertha-Platz wurde 1930/31 eine weitere gebaut - Quellenstraße 24B.

Matthias Sindelar, der das Wunderteam siegreich durch ganz Europa führte, hat, wie er selbst sagt, "die Fußballweisheiten auf den Wiesen des zehnten Hiebs in mich eingesogen". Und mit ihm taten das die anderen Tschechenbuam, der Sefcik Willi, der Wszolek Rudo, der Solil Frantisek. Etwa später kickte sich der Quellenstraßler Pepi Bican, dessen Vater Sindelars erstes Idol gewesen ist, zu Ruhm. Ausländerkinder allesamt.

Mangelnder Nachwuchs

Die Fußballverantwortlichen - und angesichts der drohenden EM nicht nur die - jammern über mangelnden Nachwuchs. Dabei gibt's die Steinmetzbuben immer noch. Heute heißen sie nicht Sefcik und Wszolek, sondern Kavlak, Korkmaz, Atan. Aber auch sie sind im Begriff, die Vorstellung davon, was ein typischer Österreicher ist, zu formen.

Vielleicht sieht das sogar der ÖFB so. Und leistet sich eine symbolische Geste gegenüber dem ballesternden Buben aus der Quellenstraße 24. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD-Printausgabe, 19.6.2007)

Eine Sindelar-Biographie ist im Egoth-Verlag erschienen.

Link:

Egoth-Verlag

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Am 16.Mai 1931 schlug Österreich vor 40.000 Zuschauern auf der Hohen Warte Schottland mit 5:0. Es war der Start des "Wunderteams" mit (von li. n. re.): Karl Zischek, Fritz Gschweidl, Matthias Sindelar (als Dritter stehend), Roman Schramseis, Rudi Hiden, Georg Braun, Karl Gall und Pepi Blum, Pepi Smistik, Toni Schall und Adolf Vogl.

Share if you care.