STANDARD-Interview: Au hält viel aus, aber es fehlt ihr oft an Platz

18. Juni 2007, 18:54
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Die Auen in den Zentralalpen sind nicht so sehr vom Klimawandel bedroht wie Auen im Flachland - der Innsbrucker Limnologe Eugen Rott erklärt warum

STANDARD: Wie wirkt sich der Klimawandel, der mit unregelmäßigem Niederschlag und Trockenperioden einhergeht, auf die Auen aus?

Eugen Rott: Im Normalfall ist es so, dass eine Au aus dem Wechselspiel aus Trockenheit und Niederschlägen entsteht und von den Wechseln der Wasserführung abhängig ist. Es gibt natürliche Schwankungen, die jedes Jahr im Abflussgeschehen stattfinden, die meistens höhenlagenabhängig sind. Das heißt, die Schneeschmelze oder auch die Vergletscherung spielen in den Alpen eine Rolle.

STANDARD: Wie ist das in flachen Gebieten, wie zum Beispiel in den Donauauen?

Rott: Die Donau ist schon noch von den Alpen und dem alpinen Abflussgeschehen beeinflusst, aber gedämpfter, was die Spitzen von Schneeschmelze betrifft. Da spielen die Regenniederschläge eine große Rolle. Die Hochwasser, die natürlich vorkommen, kommen im Frühjahr mit der Schneeschmelze, aber auch im Sommer, nach Sturm und Gewitter-Ereignissen.

STANDARD: Extremhochwasser haben in einigen Gebieten vielen Menschen den Lebensraum zerstört. Kann das der Au auch passieren?

Rott: In dem Sinne eigentlich nicht. Die Au breitet sich dann aus. Das heißt, wenn sie Platz hat, was in unserer Kulturlandschaft das Problem ist, würde sie sich an anderer Stelle wieder bilden. Man kann nicht sagen, dass die Natur eine Au schädigt, weil die Au von der Dynamik lebt.

STANDARD: Eine Au ist also vom Klimawandel kaum bedroht?

Rott: In den Tieflandauen ist es vor allem die große Fläche, die für die Ausbreitung benötigt würde, und da kann es sein, dass, wenn wir nicht ausreichende Flächen haben, die Entwicklung nicht mehr stattfindet oder dass bestimmte Pflanzenassoziationen ausfallen. Es sind die Pionierstandorte, die weniger werden, weil wenig Platz ist oder die höhere Vegetation überhand nimmt. Im Hochgebirge schaut die Au anders aus als im Tiefland. Und da kann es sein, dass es zum Höhersteigen bestimmter Vegetationstypen kommt. In den Zentralalpen sind das vor allem die Grauerlen, die haben eine Obergrenze von 1600 Metern. Andere Elemente werden vom Hochgebirge durch die Auen selbst herunterverfrachtet. Der Fluss ist eine Zugbahn für Pflanzen. Da kann es sein, dass der Extremstandort durch höhere Temperaturen und Trockenheit noch extremer wird und die Entwicklung der alpinen Schwemmlinge kaum mehr stattfindet.

STANDARD: Was wäre eine Art, die angeschwemmt wird?

Rott: Die Deutsche Tamariske kann auch in die tieferen Lagen geschwemmt werden. Inwiefern sie vom Klima beeinflusst wird, kann man noch nicht genau interpretieren. In der Schweiz zum Beispiel kommt sie bis zum Gletscherrand hinauf vor. In den Ostalpen ist das nicht der Fall, wir haben sie in einer bestimmten Höhenlage.

STANDARD: Ist der Auwald in höheren Lagen stärker vom Klimawandel betroffen?

Rott: Die Vielfältigkeit der Au-Situationen in den Donauauen ist groß. Da gibt es viele Augewässertypen und einen großen Artenreichtum. Wenn ich die Gesamtbiodiversität nehme, ist sie artenreicher als eine zentralalpine.

Wenn es dort zu einer Erwärmung kommt, kann ich mir vorstellen, dass sie dort gravierender ausfällt. Es kann natürlich sein, dass es nicht so viel ausmacht, weil ein, zwei Grad Temperaturunterschied keine Rolle spielen. In den Zentralalpen haben wir gewisse Pflanzengesellschaften überhaupt nicht. Die Grauerlenau ist im Vergleich zu den vielfältigen Donauauen relativ robust.

STANDARD: Ist sie das auch im Klimawandel?

Rott: Prinzipiell ist diese Verschiebung der Höhenstufen und der Zonen des Auwaldes plausibel. Die Neophyten-Problematik, die bei den Auen eine Rolle spielt, muss man bei Re-Naturierungsmaßnahmen steuern. Durch die geringe Talfläche, die heute zur Verfügung steht - meist deutlich unter zehn Prozent der ursprünglichen Fläche - ist der Artenreichtum der Auen stark eingeschränkt. Der Klimawandel ist dabei im Vergleich mit anderen Veränderungen wie Absenkung des Grundwasserspiegels oder Verringerung der Retentionsräume von untergeordneter Bedeutung. (Marijana Miljkovic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 6. 2007)

Zur Person
A.Univ.-Prof. Dr. Eugen Rott, geboren 1951, hat in Innsbruck Biologie, Botanik, Limnologie und Meteorologie studiert (Dr. phil. Nov. 1975). Zwischen 1975-1977 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zoologie, seit Ende 1977 Univ. Ass. am Institut für Botanik. 1986 erfolgte seine Habilitation zum Universitätsdozenten. Er betreute Forschungsprojekte im Ausland und ist Mitglied mehrerer internationaler wissenschaftlicher Vereinigungen. Er ist Mitpreisträger des Ökosystempreises 1989 des Wissenschaftsministeriums.

Klimawandel in Österreich, Teil 3
  • Die zentralalpine Au ist im Gegensatz zu einer Au im Flachland zwar robuster, sie hat aber weniger Fläche zur Verfügung, sagt Experte Eugen Rott.
    foto: privat

    Die zentralalpine Au ist im Gegensatz zu einer Au im Flachland zwar robuster, sie hat aber weniger Fläche zur Verfügung, sagt Experte Eugen Rott.

  • Tagesmitteltemperatur Wien und Niederschlag im Mai 2007
    grafik: standard

    Tagesmitteltemperatur Wien und Niederschlag im Mai 2007

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