Lückenbüßer für fehlende Aufklärung

18. Juni 2007, 18:40
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"Super Ergänzung zum Biologieunterricht": Eine Schulführung im Verhütungsmuseum durch die Geschichte der Abtreibung

Wien - Rund 15 Schwangerschaften pro Frauenleben hat die Natur vorgesehen, doch schon immer wurde versucht, sich dieser Situation zu entziehen. Mitunter durch absurde, illegale und lebensgefährliche Methoden - von der Säurespülung hin zur Abtreibung mittels Stricknadel. Besonders abartig: Bis in die 60er-Jahre war ein lebender Frosch ein Schwangerschaftstest. Man injizierte dem Tier Urin der zu testenden Frau; gegebenenfalls reagierte der Frosch auf die darin enthaltenen Schwangerschaftshormone.

Seit etwa drei Monaten informiert das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch anhand kurioser und bitterer Tatsachen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Geburtenkontrolle. Kurzfilme, Körpermodelle und gynäkologische Geräte bereiten dieses umstrittene Thema spannend auf.

Vor allem SchülerInnen- und Jugendgruppen würden das Angebot wahrnehmen, erklärt Museumsguide Anna Pichler, bevor sie eine Berufsschulklasse für etwa 90 Minuten durch die Ausstellung führt.

Sie sieht das Museum als "super Ergänzung zum Biologieunterricht" und betont, dass es auch aufklärend wirken wolle. Nicht zuletzt, weil es weltweit einzigartig und "überhaupt das erste Museum dieser Art" sei.

Unterdrückte Frauen

Die Ausstellung beleuchtet auch die sozialen Hintergründe des Themas, denn "die Kontrolle der Fruchtbarkeit spiegelt immer auch die gesellschaftlichen Bedingungen wider", so der Gynäkologe Christian Fiala. "Es ist erschreckend festzustellen, wie wenig Autonomie die Frauen dabei hatten", meint der Initiator des Museums. Dennoch gerate der historische Kontext langsam in Vergessenheit: "Es geht das Bewusstsein verloren, wie das vor 1960 war; wie katastrophal und gefährlich das Leben für Frauen sein konnte."

Frustrierend sei für Fiala, dass im Unterricht der Schutz in der Sexualität "so irgendwie nebenher abläuft." Denn: "Es gibt wenige Bereiche, die die Menschen so prägen und so große Auswirkungen auf das Leben haben." Fiala betont daher, dass es für junge Menschen absolut wichtig sei, "die Verhütungsmethoden gratis zu bekommen".

Tabuisiert sei die Thematik nach wie vor. So berichtet Fiala auch über radikale AbtreibungsgegnerInnen, die das Museum und die gynäkologische Ambulanz im selben Gebäude belagern. Er legt deshalb viel Wert darauf, auch die Anonymität der MuseumsbesucherInnen zu schützen. Einschüchtern lässt er sich nicht: "Das Feedback über die Ausstellung ist sehr positiv. Offensichtlich hat es so etwas gebraucht." (Romana Riegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6. 2007)

  • Einblicke in Verhütungsmethoden, hier etwa Spiralen, werden Schülerinnen und Schülern ergänzend zum Bio-Unterricht geboten.
    foto: standard/cremer
    Einblicke in Verhütungsmethoden, hier etwa Spiralen, werden Schülerinnen und Schülern ergänzend zum Bio-Unterricht geboten.
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