Gäste in der Natur aus zweiter Hand

18. Juni 2007, 18:28
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Der Gießgang in der Stockerauer Au brachte Vor- und Nachteile - wie der Klimawandel, der die Ausbreitung von Exoten begünstigt, nicht aber für deren Einzug verantwortlich ist

Die Donauauen des Tullner Feldes erstrecken sich von Krems bis Klosterneuburg. Ein kleiner Teil, etwa 400 Hektar, gehört der Stadtgemeinde Stockerau. "Auf der einen Seite reden sie alle vom Umweltschutz, und auf der anderen Seite bauen sie die Autobahn aus", schüttelt Andreas Straka, Stockerauer Gemeinderat für die Grünen, den Kopf. Durch den Ausbau der A22 würden die Donauauen zu 100 Prozent abgeschottet, Kleintieren, wie Mäusen und Hamstern, wird die Möglichkeit genommen, die Autobahn zu überqueren, weil keine Grünbrücken geschaffen wurden.

Allein die Bezeichnung "Naturschutzgebiet" erweckt den Anschein, als ob die Natur von Menschenhand unberührt geblieben ist, doch das stimmt in den seltensten Fällen in Österreich. "Auch durch Menschen wurden wertvolle Naturräume geschaffen", sagt der Biologe, der vor fast 20 Jahren in Stockerau seine Diplomarbeit geschrieben hat - über die Stockerauer Au. Damals ist er im Garten der Gastwirtschaft Konrad gesessen, erzählt er. Der Konrad, der sich fast direkt am künstlich geschaffenen Gießgang befindet, hat schon seit längerer Zeit geschlossen.

So ein Gießgang ist ein Beispiel für das Eingreifen des Menschen in die Natur. Er wurde beim Kraftwerksbau Greifenstein geschaffen, indem ausgetrocknete Flussarme zusammengefügt und Donauwasser zugeleitet wurden. Die Gräben waren trocken, weil sich die Donau im Zuge der Flussbegradigungen, die Hochwasser im Zaum halten sollten, eingegraben hatte. Denn dadurch, dass sie gerade fließen konnte, war sie auch schneller und somit stärker, erklärt Heinrich Schmid vom Verbund, dem Stromerzeuger.

Aber: Auen sind Gebiete, die durch die Dynamik des Wassers gekennzeichnet sind, und diese ist mit dem künstlichen Gießgang weg. Das Hochwasser, es sei denn es ist ein mächtiges, kann nicht mehr in die Au, und somit können auch die Uferbereiche nicht weggeschwemmt, abgetragen und anderswo hintransportiert werden.

Der Bergahorn ist eine der Arten, die an jenen Stellen groß werden, an denen sie es zu diesen turbulenten Zeiten nicht ausgehalten hätten. Sein Holz ist zwar wertvoll, er überschattet aber andere Pflanzen dermaßen, dass sie nicht mehr gedeihen, weil der Boden abgedunkelt wird, erklärt Straka. Mit den Sträuchern verschwinden auch die Nistplätze, beispielsweise für Drosseln - eine der häufigsten Vogelarten in der Au.

Die Donau als Gebirgsfluss ist von der Gletscherschmelze abhängig. Wenn es im Einzugsgebiet der Alpen weniger Niederschläge gibt, dann würden auch die Hochwasser weniger. Aber auf Szenarien eines Klimawandels in der Au möchte sich Straka nicht einlassen. Er erzählt nur davon, was er beobachtet.

Charakteristisch für die Stockerauer Au ist, dass drei Lebensräume eine Einheit bilden - Wald, Gewässer und Wiesen. Letztere werden bei unserem Besuch gemäht, die Mähmaschinen brummen im Hintergrund. Eine Wiese haben sie noch nicht angetastet, in der sieht man noch Spuren des heftigen Wildwechels in der Nacht, wo Hirsche und Wildschweine die Waldseiten gewechselt haben. Die Wiesen wurden für die Landwirtschaft angelegt, für den Wald ist der Boden zu trocken.

Feucht ist es dagegen am Gießgang, in den man den Göllersbach geleitet hat. Dieser bringt Ackererde und auch deren Düngerstoffe mit, und das macht kein schönes Bild: Faulschlamm bildet sich. Die Austrocknung, die ermöglichen würde, dass Sauerstoff hinzukommt und den Faulschlamm verschwinden lässt, passiert praktisch nicht, weil durch die Regulierung immer Wasser fließt. Dadurch wird auch das Grundwasser muffiger, bedauert Andreas Straka.

Ein Pluspunkt der künstlichen Auen sei, dass Kiesseen entstehen, sagt Johannes Gepp vom Österreichischen Naturschutzbund. "Da kann es schon sein, dass der Naturschützer ein Auge zudrückt und sagt: 'Der Kiessee ist gar nicht so schlecht'", denn er sorgt für Artenvielfalt. Je wärmer es wegen des Klimawandels werde, desto problematischer werde es mit den Seen, sagt Gepp.

Der Sonnenbarsch beispielsweise, eine Wärme liebende, eingeschleppte Fischart, vermehre sich so lange, bis sie sich selbst den Sauerstoff wegatmet. Die eingeschleppten Arten oder Neophyten könnten es sich in den Auen bei wärmeren Temperaturen allzu bequem machen und heimische Arten verdrängen. Die Kanadische Goldrute ist eine von diesen, die hoch und schnell wächst. Mit ihr hatten zwar die Imker Freude, weil sie lange Zeit blüht, doch sie hat den Bärlauch und die Frühlingsblüter wie das Schneeglöckchen oder Frühlingsknotenblume vom Waldboden verdrängt.

Das Indische Springkraut und der Japanische Knöterich seien auch Arten, die vom Menschen in die Auen gebracht wurden. Die Robinie, eine amerikanische Art, hat nach hundert Jahren Gastspiel nun auch ihren eigenen Schädling bekommen: Die Robinienminiermotte, die aus den Blättern das Chlorophyll, den grünen Farbstoff, zieht und die Blätter weiß färbt.

Und noch einer aus dem Hause Schmetterling, der Eichenprozessionsspinner, ist dabei, in die Au vorzudringen. "Der ist ein bisschen lästig, weil die Haare der Raupen arge Entzündungen hervorrufen", klärt Gepp auf. Normalerweise ist der Eichenprozessionsspinner in Südeuropa zu Hause. "Für die Einschleppung der Exoten ist der Klimawandel nicht verantwortlich, doch für deren Ausbreitung schon", sagt Gepp. (Marijana Miljkovic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 6. 2007)

Klimawandel in Österreich, Teil 3
  • Baden ist im Stockerauer Gießgang nicht möglich, weil sich durch die immerfeuchte Umgebung und den Dünger, der von den Äckern gespült wird, Faulschlamm gebildet hat. Dafür ist der Auwald als Erholungsgebiet gut geeignet - dafür und für die wirtschaftliche Nutzung, wird er auch vom Menschen gepflegt.
    foto: regine hendrich

    Baden ist im Stockerauer Gießgang nicht möglich, weil sich durch die immerfeuchte Umgebung und den Dünger, der von den Äckern gespült wird, Faulschlamm gebildet hat. Dafür ist der Auwald als Erholungsgebiet gut geeignet - dafür und für die wirtschaftliche Nutzung, wird er auch vom Menschen gepflegt.

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    foto: regine hendrich
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