Inmitten von Parasiten?

18. Juni 2007, 18:33
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Im milden Klima gedeihen Zecken und andere Quälgeister

2007 könnte als "Jahr der Zecke" in die Annalen eingehen: Der nahezu inexistente Winter ermöglichte es den kleinen Blutsaugern, sogar im Jänner oder Februar zuzubeißen. Weil die Populationen aufgrund fehlender Frostperioden kaum dezimiert wurden, gab's ab dem Frühjahr eine wahre "Zeckeninvasion". Und als ob die heimischen Zeckenarten nicht ausreichen würden, warnten manche Medien auch gleich vor neuen, aus Süd- und Osteuropa zugewanderten Zeckenarten.

Michael Löwenstein vom Institut für Parasitologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien rückt die Dinge zurecht: "Die Auwaldzecke gibt es in Österreich schon seit Jahrzehnten. Und die ,Hundemalaria', welche durch diese Zeckenart übertragen wird, wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schon vor rund 15 Jahren aus Ungarn ins Burgenland eingeschleppt." Milde Winter wie der letzte ermöglichen Zecken allerdings die Ausbreitung. Wobei sie vor allem eines brauchen: den richtigen "Blutspender". Löwenstein: "Während des Heranwachsens zum geschlechtsreifen Tier wechselt die Zeckenlarve ihrer Größe entsprechend den Wirt. In einem milden Winter sind etwa auch Mäuse aktiver, die Zecken haben bessere Möglichkeiten, sie zu befallen und sich weiterzuentwickeln." Die Folge: eine Zeckeninvasion ab dem Frühjahr - und für Mensch und Tier ein erhöhtes Risiko durch von Zecken übertragbare Krankheitserreger.

Denn Zecken sind nicht nur Parasiten, sie übertragen auch solche: die ins Gerede gekommene Auwaldzecke oder auch die Braune Hundezecke, die sich aufgrund der winterlichen Kälte in Österreich bislang nicht dauerhaft einnisten konnte, etwa Babesien, die Erreger der so genannten Hundemalaria. Hundehalter müssen in Zukunft nicht nur selbst zur "Zeckenimpfung", sondern sollten sich möglicherweise auch auf eine regelmäßige Vorsorge gegen Zecken bei ihrem Tier einstellen. Löwenstein: "Das ist kein Problem, alle vier Wochen muss ein Mittel aufgetropft werden."

Und im Fall einer dauerhaften Klimaerwärmung könnte auch der regelmäßige Schutz des Hundes vor dem "Herzwurm" nötig werden. Löwenstein: "Der wird durch Mücken übertragen, die brauchen es warm und feucht. Die Po-Ebene etwa ist ein Risikogebiet." Stellen sich in Österreich friaulische Klimabedingungen ein, droht auch dieser Parasit.

Davor, dass wärmere Wetterbedingungen die Verbreitung von subtropischen oder gar tropischen Krankheitserregern bei Tier und Mensch begünstigen könnten, warnen Experten schon seit Langem. Das Szenario: Mücken, Zecken und Mikroorganismen reisen über den Flughafen Schwechat ein und finden im Feuchtgebiet Lobau und unter der Millionenbevölkerung Wiens ideale Vermehrungs- und Verbreitungsbedingungen.

Noch ist das Spekulation. Tatsache ist, dass die Rinder-Babesiose, die auch dem Menschen gefährlich werden kann, in Deutschland schon zum Problem wird. Eben dort wurde auch die bisher im Mittelmeerraum beheimatete "Blauzungenkrankheit" - das Virus wird durch bestimmte Mücken oder Gnitzen übertragen - bereits diagnostiziert.

Doch es braucht gar keine "Importe". Löwenstein: "Wenn das Klima wärmer wird, verlängert sich natürlich auch die Weidezeit des Viehs. Wir hier in Österreich haben aber keine so großen Weideflächen wie etwa in den USA. Werden sie intensiver genutzt und fallen intensive Kälteperioden weg, überleben natürlich mehr Parasiten und Krankheitserreger. Das Vieh wird häufiger behandelt werden müssen. Das bedeutet Kosten und Einkommensverluste, weil nach so einer Behandlung Milch und Fleisch ja über einen gewissen Zeitraum nicht genutzt werden dürfen." (Andrea Dee/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 6. 2007)

Klimawandel in Österreich, Teil 3
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    Die Auwaldzecke wurde schon vor mehr als 15 Jahren eingeschleppt, das milde Wetter begünstigt die Vermehrung auch des gemeinen Holzbocks.

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