Kappe für das Machbare

26. Juni 2007, 13:43
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Mit dem gebürtigen Niederösterreicher Josef Ernst Köpplinger erhält das Stadttheater Klagenfurt einen aus­ge­wiesenen Handwerker als Nachfolger von Dietmar Pflegerl

Klagenfurt – Möglicher Anfang eines immer umfänglicher werdenden Steckbriefs: Nachfolger des vor rund einem Monat gestorbenen Dietmar Pflegerl. Wurde vorher von einer Jury einstimmig als dessen Nachfolger zum Leiter des Stadttheaters Klagenfurt bestellt. Beginnt ("nach nicht übertrieben langer Vorbereitungsphase") im Herbst 2007 mit der Neupositionierung des südlichsten deutschsprachigen Mehrspartentheaters.

Köpplinger trägt Baseballkappen. Köpplinger (41) besitzt jungenhaften Überschwang. Er inszeniert auch Musicals, sagt: "Da wird man gleich schubladisiert!" An Stellen, an denen Pflegerl früher näselnd loszulachen pflegte, mit jenem Ingrimm, der den "Kärntner Verhältnissen" galt und vom Verdruss am Karawanken-Elend durchsäuert schien, wird Köpplinger – sinngemäß – zum Erzieher.

Köpplinger leitet noch bis Saisonende das Theater in St. Gallen. Die Schauspieler dort wollen ihn gar nicht weglassen, erzählt er. Angesprochen auf sein Handswerks-Credo – der bestens ausgebildete Köpplinger gehört jener raren Spezies an, die vom Musik- und vom Sprechtheater gleich viel versteht – möchte er gar nicht mehr aufhören zu reden.

Paragraf eins: Theaterhandwerk müsse von Grund auf "beherrscht" werden. Er, Köpplinger, könne gar nicht verstehen, dass auf dem Theater so viel "Unhandwerk" passiere. Mit ihm braucht man praktikablerweise nicht über "Werktreue" oder "Regietheater" diskutieren. In New York, auf der Lee-Strasberg-Schule, habe er gelernt, dass man sich die Selbstverwirklichung besser für das "Work-out" zu Hause aufbehalte.

Paragraf zwei: Theaterarbeit erfordere Demut. Jugendliche Eitelkeit habe auf gestandenen Stadttheaterbühnen nichts verloren. Er, Köpplinger, lade sich schließlich auch keinen Tischler zum zweiten Male ein, nachdem ihm dieser ein dreibeiniges Möbel hingestellt habe. Was wackelt, gehört umständehalber hinaus.

Paragraf drei: Fleiß und Politik. In St. Gallen lieferte Köpplinger 13 Premieren pro Spielzeit ab – in Klagenfurt wird er immerhin acht Stück herausbringen, säuberlich aufgeteilt in Schauspiel und Oper. Er müsse – Pflegerl sei Dank – ja auch keine "Gespenster" vertreiben. "Ich bin überzeugter Humanist und Freidenker", sagt Köpplinger, der weiß, dass er Pflegerls Erbe als öffentliche Person irgendwie verwalten muss – ohne indes verhaltensauffällig werden zu wollen. Der Rest habe mit "gelebter Toleranz" zu tun. Und der inständigen Hoffnung, sie erwidert zu bekommen.

Fotos bei Bedarf

Mit dem notorischen BZÖ-Landeskulturreferenten Jörg Haider könne er jedenfalls reden. Fotos mit dem Landesvater – wie anlässlich seiner Präsentation – beschränke er auf das unumgänglich Notwendige. Dass er, ein gebürtiger Niederösterreicher, nicht unbedingt gelb-orange wähle, deutet der ausgebildete Pianist immerhin an. Es tut glaubhafterweise nichts zur Sache.

Kratzt man im Wust tadelloser Verlautbarungen nach Überzeugungen, stößt man auf Verhältnisrechnungen: "Ich versuche ganz einfach, eine Balance zwischen Musiktheater und Schauspiel herzustellen. Ich muss und werde Operette spielen – nicht ,revitalisieren‘, an dieses Wort glaube ich nicht."

Freunde des Schauspiels werden mit einem Opener aus der Feder Peter Turrinis verwöhnt: Die Eröffnung (Premiere 4. Oktober) wird eine Liebeserklärung an das Theater bereit halten. Durchblättern muss man den Katalog zügig, um auch ja nichts zu verpassen: Joshua Sobol wird selbst sein Ghetto inszenieren; Birgit Doll wird in Meisterklasse Maria Callas die "primadonna assoluta" geben, und mit allerlei Rankenwerk wie Igor Bauersimas norway. today hält man, rein schauspielmäßig betrachtet, auch die karinthische Jugend bei der Fahnenstange.

Befreiungsschlag findet absehbar keiner statt. Aber von welcher Drucklast sollte sich Josef E. Köpplinger auch befreien wollen?

Paragraf vier: das liebe Geld. Köpplinger weiß, dass sein 17-Millionen-Euro-Etat eine Valorisierung, aber keine Indexanpassung erfährt. Er müsse Kontinuitäten herstellen, die erst über die Jahre "lesbar" werden. Köpplinger wird entschiedener: "Ich werde mehr Vorstellungen spielen, ohne das Niveau abzusenken. Ich peile vorderhand keine Koproduktionen an, sondern möchte zeigen, was dieser Apparat zu leisten imstande ist." Theater sei für ihn nur solches, das "Geschichten erzähle". Köpplinger möchte sein Publikum umarmen. Doch die Kärntner Zärtlichkeit ist rau. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 19.06.2007)

  • Josef E. Köpplinger möchte die nächsten vier Jahre "am Rande des Machbaren" agieren. Sein Schmerz: "Dass Dietmar Pflegerl sein Abschiedsfest nicht mehr erleben konnte."
    foto: standard/ andy urban

    Josef E. Köpplinger möchte die nächsten vier Jahre "am Rande des Machbaren" agieren. Sein Schmerz: "Dass Dietmar Pflegerl sein Abschiedsfest nicht mehr erleben konnte."

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