Radweg mit Toilette: Die vierten Skulptur Projekte in Münster

26. Juni 2007, 13:59
1 Posting

In Münster zeigt sich vor allem eines: Der Bürger, der öffentliche Raum und die Skulpturen haben sich aneinander gewöhnt. Das ist gut für den Fremdenverkehr...

...und hält die Gattung materialintensiver Kunst am Leben.


Münster – Münster ist ja fast wie Niederösterreich: Den öffentlichen Raum markieren Skulpturen. Wo es sonst womöglich öd und leer wäre, steht jetzt eben etwas herum. Und auch wenn das dann oft unmotiviert erscheint: Es ist es nicht! Kunstlose Zonen, so scheint es, müssen immer öfter bedingungslos ausradiert, mit irgendwie Skulpturalem begossen werden.

Weil sonst spricht er nicht, der öffentliche Raum, sonst ist der gemeine Bürger so einsam wie der hoch spezialisierte Kurator arbeitslos. Museum ist überall, Ausstellung sowieso, und in Münster blüht die eben alle 10 Jahre. Dann lebt die Wüste und boomt der Fahrradverleih, dann kann hinter jedem Eck etwas Überraschendes auftauchen, etwas, dass jedenfalls für sich in Anspruch nimmt, total beziehungsfähig zu sein.

Die Münsteranerinnen und Münsteraner haben sich mittlerweile daran gewöhnt. Nach 30 Jahren der Verwirrung im öffentlichen Raum keimt kaum mehr Ärger auf. Eine ganze Generation kennt ihre Heimatstadt schon gar nicht mehr ohne Verstörendes in der Kulisse. Initiator und Chefkurator Kaspar König nennt das „Langzeitstudie“. Anstatt der einen documenta, die ihm bislang noch nie zu kuratieren gegönnt war, macht er eben so oft wie möglich Münster. Wir erinnern uns: Im Sommer 77 hat Claes Oldenburg an das Ufer des Aasees – der dadurch erst richtig auffällig wurde und den heuer Pawel Althammer mit einem aus pädagogischen Gründen unmarkierten Pfad bespielt – drei Billardkugeln für gewaltige Riesen abgestellt.

Einst protestbewegt

Empörte Bewohner beschlossen, sie in den See zu kippen. Das ist aber irgendwie schief gelaufen. Im Gegensatz zur Entführung von Katarina Fritschs zitronengelber Madonnenstatue, an der von ihr festgemachten Kreuzung von Kunst und Kommerz: Die wurde erfolgreich entführt!

Absichtsvoll aufregen wollte Nam June Paik: Er platzierte vor dem Münsteraner Barockschloss 32 silberne Oldtimer, aus denen pausenlos Mozarts Requiem drang: Aufregen sollte das die Bürger, ungemein aufregen. Aber: Das Bild machte die Runde um die Welt, und so kam es, dass der Indigene langsam aber sicher Stolz zu entwickeln begann. Weil schließlich ist der Krempel ja enorm gut für den ansonsten regionsbedingt eher flauen Fremdenverkehr. 2007 ist wieder Kunst eingezogen. Sie sieht in Münster so site-specific aus wie H&M in Wien oder Zara in Stockholm. Obwohl sich alle vorgenommen haben, heuer, viel stärker zu „irritieren, verunsichern und verstören, um sich von der schillernden Stadtkulisse abheben zu können“. Klar, das wird ja auch immer schwerer. Die Werbung covert innerhalb weniger Wochen, was die Kunst so erfindet, die Künstler reproduzieren umgekehrt total schnell, was an Werbung so angeboten wird – zwecks Ausübung von Kritik. Und Kunst, die originell sein will, hebt sich ziemlich rasch selbst aus den Angeln. Und also geht es in Münster 2007 eben um nichts anderes, als das Finale der Grand Tour zu absolvieren, wiederzuerkennen, was in Varianten schon zuvor in Venedig, Basel und Kassel im Angebot war. Müde tritt der Sammler da in die Pedale und radelt sich einen letzten Parcours vor dem Urlaub ab:

Vorbei an Marco Lehankas origineller Blume für Münster aus Surfbrettern und zeitgemäßem Flatscreen, hin zu den traditionellerweise jedes Mal neuen Caravans, die Michael Asher rituell in der Stadt parkt, um so irgendwie den Lauf der Zeit zu veranschaulichen, unter Mark Wallingers verspanntem Draht durch, um gleich mal nach Silke Wagner zu fahren und ihrer Geschichte Münsters von unten. Annette Wehrmanns bemüht naive Plakatwand kündet von Aaspa und damit von Wellness am See. Suchan Kinoshita hat eine Stille-Post-Filiale eingerichtet, Bruce Nauman zeigt materialintensiv, was eine echte Square Depression ist, und Andreas Siekmann will mit Trickle Town zum Nachdenken über den Öffentlichen Raum im Zeitalter seiner Privatisierung anregen. Und keiner will mehr richtig mit.

Die radelnden Kunstschnitzeljäger suchen Hans-Peter Feldmanns hübsch bunt renovierte öffentliche Toilette. Wo früher „drop sculptures“ vom Himmel fielen, um wahllos Räume zu behübschen, nieseln jetzt eben Ideen. Ein Störfaktor ist all das seit Langem nicht mehr. Bürger wie Kunstwelt nehmen die wechselnde Stadtmöblage gelassen hin. (Markus Mittringer aus Münster/ DER STANDARD, Printausgabe, 19.06.2007)

Infos
Skulptur Projekte
17. 6. – 30. 9. 07
täglich von 10–22 Uhr

Kuratoren: Brigitte Franzen, Kasper König, Carina Plath
Fahrradverleih: Vor dem LWL-Landesmuseum. Leihgebühr; halber Tag: € 5,–, ganzer Tag: € 10,–
Führungen: Für Einzelpersonen: Montag bis Freitag: 18 Uhr, Samstag und Sonntag: 11 und 15 Uhr
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Kasper König steht in Münster zwischen Teilen von Dominique Gonzalez-Försters "Geschichtsschreiberin".

Share if you care.