Krusovice – Heineken auf Tschechisch?

18. Juni 2007, 17:50
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Die Braukonzerne schanzen einander Braustätten zu – und was hat der Konsument davon

Als ich die Brauerei Krusovice an der Strecke zwischen Prag und Karlsbad kurz nach der Wende zum ersten mal gesehen habe, ist sie mir mehr alt als ehrwürdig (was sie mit ihrer fast 500-jährigen Geschichte natürlich auch ist) erschienen. Es wurde in den alten Gemäuern ein ziemlich vollmundiges Bier Pilsner Art gebraut – mitsamt dem für böhmisches Pilsner ziemlich typischen Hauch von ranziger Butter, allerdings nicht ganz so ausgeprägt wie im Pilsner Urquell. Man hat dieses Bier in Prag mit gewisser Ehrfurcht getrunken.

Von der damaligen Brauerei ist nicht viel geblieben. 1993 wurde sie von der Binding Brauerei gekauft, jener Frankfurter Brauerei, die damals die Brau-Interessen des Dr.Oetker-Konzerns wahrgenommen hat. Die Frankfurter haben die Krusovicer Braustätte nach Kräften modernisiert und sie in den Radeberger Konzern eingegliedert, der inzwischen die größte deutsche Brauereigruppe ist. Da sind Dortmunder Union und Binding, Berliner Kindl und Schultheiss, Jever und Ur-Krostitzer, Allgäuer Brauhaus und Freiberger Brauhaus, eine Handvoll Kölsch- und Altbiermarken, Hövels und natürlich Radeberger dabei. Die Gruppe erhebt den Anspruch, die deutsche Bierkultur umfassend zu repräsentieren – und da hat der tschechische Tochterbetrieb nicht mehr ganz so gut dazugepasst. Auch wenn das Krusovicer Bier durch das dichte Radeberger Vertriebsnetz inzwischen zu den bedeutendsten Importbieren auf dem deutschen Markt aufgestiegen ist, ist die Braustätte mit ihrer Kapazität von einer Million Hektoliter (das entspricht etwa der Größe der Wieselburger oder der Puntigamer Brauerei) doch ein ausländischer Betrieb geblieben. Die deutschen Wurzeln – Krusovice war ab 1581 eine kaiserliche Brauerei, belieferte Kaiser Rudolf II. und ging dann an die Familien Wallenstein und Fürstenberg – waren eben nicht stark genug, um Krusovice zu einem Stück deutscher Bierkultur zu machen.

Jedenfalls hat sich Radeberger in der Vorwoche ziemlich überraschend von der Krusovicer Brauerei getrennt. Gekauft hat ein alter Bekannter, nämlich der niederländische Heineken-Konzern.

Drittgrößte Brauerei

Heineken ist damit zum drittgrößten Braukonzern auf dem tschechischen Markt aufgestiegen – hinter SAB Miller (Pilsner Urquell, Radegast und Velke Popovice) und Inbev (Staropramen) und man kann erwarten, dass das auch Auswirkungen auf Österreich hat: Schließlich hat Heineken den Eintritt in den tschechischen Markt aufgrund der Tatsache geschafft, dass die Österreichische BrauUnion in den neunziger Jahren vorsichtig nach Tschechien expandiert hat und die mährischen Brauereien in Brünn (Starobrno) und Znaim (Hostan) gekauft hat. Mit Krusovice ist nun eine wesentlich stärkere tschechische Marke im Hause Heineken verankert. Und schon gibt es österreichische Gastronomen, die die BrauUnion Mitarbeiter bedrängen, das Krusovicer Bier ausschenken zu dürfen.

Das könnte insofern eine Bereicherung sein, als speziell das eher trockene, typisch tschechische Krusovicer Cerne (Schwarzbier) einen für Österreich eher ungewohnten Biercharakter darstellt. Ob sich die BrauUnion bzw. Heineken traut, diese in Deutschland recht erfolgreiche Spezialität nach Österreich zu bringen, bleibt abzuwarten. Denn hier gilt ja das Vorurteil, dass dunkle Biere süß sein müssten – und helle Allerweltsbiere verkaufen sich ohnehin leichter.

Ich habe das Ende der neunziger Jahre in der (inzwischen verschwundenen) Krusovicer Bierstube nahe dem Altstädter Ring in Prag erlebt. Ich saß da an einem Tisch mit jungen Touristen aus Deutschland, die dem Bier heftig zugesprochen haben. Ob ihnen denn das Bier schmecke, wollte ich wissen. Na klar schmeckte es. Und wie sich dieses Bier in der Wahrnehmung meiner Tischgenossen von deutschen Bieren unterscheide, fragte ich weiter. „Na siehst Du doch – es ist viel billiger“, antworteten sie fröhlich. Da hatten sie recht – aber für die Bierkultur ist das nicht unbedingt eine Empfehlung. (Conrad Seidl)

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