Stimmrecht der Studierenden tut den Hochschulen gut

11. Februar 2008, 08:49
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David Crosier, Bildungsexperte der EU, erklärt, wie sich Europas Hochschulen entwickeln

Die Daten von 982 Unis, TUs und FHs flossen in die fünfte und jüngste Trend-Report-Studie der Europäischen Universitätsunion (EUA) ein. Erstmals konnte auf Basis der Vergleichswerte mit der vor vier Jahren durchgeführten Bewertung der Fortschritt generell und in einzelnen Ländern gemessen werden. Im Gespräch mit dem Standard wirft David Crosier (45), Verfasser des Fortschrittsberichts, weitere Diskussionpunkte rund um den Bologna-Prozess auf.

"Zweifellos hat sich viel bewegt", meint er und sieht die Einbindung von Studenten in universitäre Entscheidungsprozesse verknüpft mit durchwegs besserem Abschneiden.

Die ECTS-Umsetzung sei häufig "oberflächlich". Zwar finde das System Verbreitung, es gebe aber Schwierigkeiten bei der Anerkennung und Umrechnung. "ECTS sollte den Transfer erleichtern, aber es verursacht viele Probleme."

Die Verantwortlichen hätten die Reichweite des ECTS-Systems begriffen, so Crosier: "Es geht darum, Lernziele zu definieren, Lehrpläne zu überdenken, die Studiendauer zu strukturieren, die Arbeitslast für Studenten aufzuteilen."

Einfach ECTS auf alte Lehrpläne aufzusetzen sei "nicht optimal". Oft beginne die "Reform" schlicht mit dem Ziehen von Trennlinien im alten Studium, anstatt zu überdenken, was ein Absolvent des Bachelor-Studiums können sollte.

In der Debatte zur "Employability" - mehr und mehr Akademiker sind arbeitslos oder arbeiten in studienfernen Branchen, während praxisnahe Bildungswege mit größerer Sicherheit den Zugang zum Arbeitsmarkt bieten -, glaubt Crosier, dass man die Dinge zu eng sehe: "Dass ein Chemiker in verwandten Berufen unterkommen muss, ist eine Fehleinschätzung. Arbeitgeber suchen Menschen, die kommunizieren können, Teamworker, die sich auch an andere kulturelle Umgebungen anpassen können." Es sei nicht nur Fachwissen, das zählt, sondern das Individuum und seine Qualitäten im sich rasch verändernden Arbeitsmarkt.

Versuche von Staatsseite, Bildungswege zu reglementieren, beäugt Crosier skeptisch: "Wir wissen heute nicht, welche Qualifikationen in der Zukunft gefragt sein werden, und alle Staaten, die Versuche gesetzt haben, sind spektakulär gescheitert."

Das zeige etwa Norwegens Zahnarztmisere. Man setzte auf verstärkte Schulung, doch nach der Ausbildung waren die Arbeitsplätze von Dentisten aus den Nachbarländern besetzt. Laut Crosier fehle es Bildungsstätten am Austausch mit der Wirtschaft: "Das ist eine der Paradoxien des Bologna-Prozesses: Die Reformen zielen auf eine konstante Verbindung zum EU-Arbeitsmarkt ab, doch hier fehlt es schlicht und ergreifend an Kommunikation." (jam/DER STANDARD-Printausgabe, 16./17. Juni 2007)

  • David Crosier, Bildungsexperte der Europäischen Universitätsunion.
    foto: privat

    David Crosier, Bildungsexperte der Europäischen Universitätsunion.

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