Langsame Bologna-Umsetzung unter studentischen Protesten

16. Oktober 2007, 10:57
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Spanien: Defizite in der Adaption des European Credit Transfer System werden bemängelt, dafür gibt es Lob für die Qualitätskontrolle

Das jüngste Papier zum Fortschritt der EU-Staaten bei der Umsetzung der Bologna-Ziele bis 2010, das Mitte Mai in London präsentiert wurde, stellt Spanien ein ambivalentes Zeugnis aus: Gesamtnote 3,5 im Bologna-Scoreboard, der Sammlung nationaler Erhebungen zum Fortgang des Prozesses. Während die Qualitätskontrolle der Bildung mit der Note 4 gelobt wurde, hinkt Spanien bei der Implementierung der ECTS-Punkte nach. 2,6 ergibt die Bewertung hier.

Francisco Tomás, Rektor der Universidad de Valencia, meint, der Zustand der "konstanten Reform" an den Unis verunmögliche es diesen, auf sozial akute Gegebenheiten einzugehen. Qualitätskontrollen und die Schaffung der Centers of Excellence würden den Fokus der Bildung von den Grundlagen weg in Richtung Innovation verschieben. Eine Uni könne mit ihren Mitteln kaum den vier Aufgaben Bildung, Forschung, Wissensaustausch und Entwicklung nachkommen.

EU-weite Umfrage

Die Europäische Universitätsunion (EUA), ein Zusammenschluss der Hochschulen Europas, dessen Vorsitz Uni-Wien-Rektor Georg Winckler innehat, beauftragte ein rumänisches Statistik-Institut mit der im Mai präsentierten Trend-V-Bewertung, die qualitative Elemente inkludiert, sprich: Interviews mit den für den Uni-Betrieb verantwortlichen Gruppen. Dem Standard liegen erste nationale Auszüge aus der eineinhalbjährigen Forschungsarbeit vor.

"Wir können mit Zuversicht auf das Jahr 2010 und darüber hinaus blicken", sagt Spaniens Bildungsministerin Mercedes Cabrera. Man habe aufgeholt, auch gegenüber dem letzten Trendbericht der EUA. Das stimmt, doch glaubt man Trend V, dann sehen sich zwei Drittel der erhobenen Gesamtheit von 32 höheren Bildungseinrichtungen des Landes "mangelhaft finanziell unterstützt", ein Drittel bekomme gar keine Förderung, um die Reformen umzusetzen. Der Reformwille der spanischen Unis wäre groß - über 80 Prozent sehen es als "essenziell", den europäischen Hochschulraum "rasch" durchzusetzen.

Uni-Wille wäre da

So hat erst ein Drittel die Umstellung der Lehrpläne auf das dreigliedrige System durchgesetzt, ein Viertel plant das "in Kürze". Nur 15 Prozent haben das ECTS-System implementiert. Internationale Abschlusszertifikate sind bei drei Vierteln erst "in Planung".

EUA-Bildungsforscher David Crosier sieht Spaniens Fortschritt: "Vor vier Jahren war nicht klar, ob Spanien überhaupt an Bologna teilnehmen würde, nun ist es nur mehr eine Frage des Wie."

Unter anderem bremst eine Front aus Studentenvertretern die ihrer Meinung nach "kapitalistischen Reformen". Mitte Mai kam es Spanien-weit zu größeren Demonstrationen gegen "Bologna". Die Polizei setzte sogar Tränengas ein. Vom Frust der Studenten sprechen auch die Wände von Granadas Unis: Sie sind voller Anti-Bologna-Graffiti.

Selbst bei fundamentalen Zielen rangiert Spanien unter "ferner liefen", gemeinsam mit Malta und Portugal.

Sollten bis 2010 85 Prozent der 22-Jährigen ein Maturaniveau erreicht haben, sind es jüngsten Zahlen (2006) zufolge derzeit nur 61,6 Prozent. Die Zahl der Schulabbrecher hat sich seit 1997 auf 29,9 Prozent verdreifacht. In Österreich erreichen 85,5 Prozent das Maturaniveau, wir erreichen das Ziel solide. Einzig im Punkt, 15 Prozent Graduierte in Wissenschaft und Technik zu erreichen, liegt Spanien bei guten 12,5 Prozent. (Jan Marot aus Granada 16./17. Juni 2007)

  • Die schleichende Umsetzung der Bologna-Ziele in Spanien wird vor allem von den Studierendenvertretern noch stark infrage gestellt. Im Mai gab es größere Proteste.
    foto: standard/marot

    Die schleichende Umsetzung der Bologna-Ziele in Spanien wird vor allem von den Studierendenvertretern noch stark infrage gestellt. Im Mai gab es größere Proteste.

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