Indien: Fall von gezielter Abtreibung von Mädchen erregt Öffentlichkeit

12. Juli 2007, 11:10
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Falscher Arzt hat dutzende weibliche Föten abgetrieben - Bestimmung des Geschlechts verboten, aber dennoch Praxis

Neu Delhi - Ein grausamer Fund sorgte in der vergangenen Woche in Indien für Schlagzeilen. In einer Klärgrube auf dem Gelände einer Geburtsklinik von Neu Delhi fand die Polizei die Überreste von mindestens 30 weiblichen Föten. Der Betreiber der Klinik, der sich fälschlicherweise als Arzt ausgab, hat mittlerweile zugegeben, über 260 Abtreibungen nach illegalen Geschlechtstests vorgenommen zu haben.

Nach eigenen Angaben hatte er einen Brunnen neben der Klinik gegraben, in den er die Überreste der abgetrieben Föten über eine Toilette hineinspülte. In der 1994 gegründeten Entbindungsklinik war ein hoch modernes Ultraschallgerät gefunden worden, mit dem er die Geschlechtstests gemacht hatte. Der Betreiber hatte schon vorher Probleme mit der Justiz, weil er mit Hilfe eines gefälschten Diploms als Arzt praktizierte. Nun drohen ihm nach Angaben eines Anwalts beim Obersten Gerichtshof bis zu sieben Jahre Haft wegen illegaler Geschlechtsbestimmung und Abtreibung.

Kein Einzelfall

Der spektakuläre Fall wirft ein Schlaglicht auf ein altes Problem in Indien: Die gezielte Abtreibung oder Tötung von Mädchen, weil sie in den Augen der Gesellschaft weniger Wert sind als Buben.

Im vergangenen August wurden in einem Brunnen im nordindischen Punjab die Überreste von Dutzenden weiblichen Föten entdeckt. Neben dem Brunnen betrieb ein Paar eine ambulante Gesundheitsstation - es steht im Verdacht, illegale Abtreibungen im großen Stil vorgenommen zu haben.

Theoretisch keine Geschlechtsbestimmungen mehr seit 1994

Schwangerschaftsabbrüche sind in Indien nicht verboten. Doch haben nur ausgewählte Kliniken dafür eine Zulassung. Um die vorsätzliche Abtreibung weiblicher Föten einzudämmen, dürfen Ärztinnen und Ärzte darüber hinaus seit 1994 per Ultraschall nicht mehr das Geschlecht des Embryos bestimmen. Zur ersten Verurteilung kam es aber erst zwölf Jahre nach Erlass des Gesetzes. "Qualifizierte Ärzte sind gut organisiert und sehr findig, wenn es darum geht, das Geschlecht festzustellen. Doch nur die kleinen Fische werden verfolgt", beklagt die Frauenrechtlerin Sabu George.

Abgewertete Frauen

Die Geburt eines Mädchens bedeutet für Familien in vielen Teilen Indiens den finanziellen Ruin, da erwartet wird, dass sie später bei der Hochzeit eine hohe Mitgift erhalten. Buben sind zudem begehrter, weil nur sie den Familiennamen weitergeben können.

Viele Familien treiben deshalb weibliche Föten ab oder lassen neugeborene Mädchen einfach verhungern. Laut einer im vergangenen Jahr von der Wissenschaftszeitung "The Lancet" veröffentlichten Studie wurden in den vergangenen 20 Jahren in Indien ungefähr zehn Millionen weibliche Föten abgetrieben. Neu Delhi stellt die Berechnungen der Autoren von der Universität Toronto in Frage; sie spricht von fünf Millionen.

In Haryana, dem Bundesstaat, in dem auch Neu Delhi liegt, kommen auf 1.000 Buben unter sechs Jahren 820 Mädchen, im Punjab sind es nur 798 Mädchen - weltweit liegt die Rate bei 1.050 Mädchen. Im Vergleich steht Indien damit in einer Reihe mit Pakistan, Südkorea, China, Afghanistan und Nepal. (APA/red)

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    Obwohl vorgeburtliche Geschlechts- bestimmungen verboten sind, werden sie in ganz Indien durchgeführt.
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