Dem Besten sein Nächstes

8. August 2000, 20:36

Madonna mit "The Next Best Thing", ab Freitag im Kino

Das Beste sieht zurzeit so aus: Im weißen Anzug und Cowboyhut cruist Madonna in einer goldenen Stretch-Limo mit ihren schwarzen Homeboys durch nächtliche Straßen. "Music makes the people come together", singt sie. Und Music, ihr neuer Videoclip (bereits im Net zu sehen bei: www.madonnamusic.com), demonstriert einmal mehr ihr Vermögen, fremde Ikonographien und Attribute leicht zu verschieben beziehungsweise sich diese in Form von kleinen, selbstironischen Travestien anzuverwandeln. Madonna diesmal als: "Muff Daddy".

Bei der Wahl ihrer Filmprojekte hat die Diva hingegen bisher eher wenig Treffsicherheit bewiesen. Nach ihrem letzten Ausflug ins dramatische Fach, Alan Parkers Musical-Adaption Evita (1996), ist sie nun im Genre der Romantic Comedy gelandet. Routinier John Schlesinger hat inszeniert und den Filmtitel muss man programmatisch deuten: The Next Best Thing - ein Näherungswert sozusagen, in Bezug auf das Beste, das hier nicht zu finden ist.

Unter dem Deckmantel unkonventioneller Lebensweisen regiert nämlich die neue Biederkeit:

Es geht um Abbie (Madonna), eine alleinstehende Yoga-Lehrerin in L. A., die zwar den Richtigen noch nicht gefunden hat, dafür aber immerhin einen Freund zum Verlieben (so der deutsche Titel) an ihrer Seite weiß.

Rupert Everett spielt diesen Robert, einen Landschaftsarchitekten. Wie schon in My Best Friend's Wedding neben Julia Roberts kommt er leider nicht als Lebenspartner infrage: Robert ist schwul. Und Abbie muss vorerst alleine leiden. Dann führt doch irgendwann eines zwingend zum anderen. Beschwingt vom Zauber alter Hollywood-Musicals und reichlich Cocktails, kommt es zur körperlichen Vereinigung (Off-Screen, natürlich). Wenig später beißt Rohkost-Fan Abbie plötzlich herzhaft in einen Hamburger, woran zu erkennen ist, dass diese eine Nacht noch jahrelang Folgen haben wird. Abbie ist schwanger.

Der Film, der sich ohnehin keine Zeit für vermeintliche Leerläufe lässt, sondern von einer griffigen Situation zur nächsten hechelt, kommt rasch zum Geburtstermin. Und schon sind weitere sechs Jahre vergangen und man begeht mit dem gemeinsamen Sohn als glückliche neue Familie das Weihnachtsfest.

Sorgerechtsstreit

Aber der Näherungswert zum besten Glück kann nicht genügen. Mit dem Auftauchen eines willigen Hetero-Manns bietet sich plötzlich doch noch eine konventionelle Alternative zur freundschaftlichen Elterngemeinschaft, und ein hässlicher Sorgerechtsstreit ist die Folge.

Abgesehen von Szenen, die dazu dienen, den Schauwert der Darsteller-Körper vorzuführen, ist die Handlung von Ein Freund zum Verlieben auf derart funktionale Elemente beschränkt. Das eigentlich Perfide ist aber, wie sich der vermeintliche Widerspruch zur traditionellen Familienkonstellation am Ende mit einer simplen Korrektur der Geschichte lösen lässt. Und die Heldin moralische Größe beweisen kann, indem sie natürlich trotzdem das "Richtige" im Sinne des Besten tut. Wahrhaftig ein schlimmer Fehlgriff aller Beteiligten. (Isabella Reicher-DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.8. 2000).

  • Artikelbild
    foto: www.xenon-kino.de
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