Theaterknast für Idealisten

26. Juni 2007, 13:43
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Albert Ostermaiers neues Stück "Schwarze Minuten" eröffnet die 14. Schillertage in Mannheim

: Der Kleist-Preisträger setzt sich dabei auf die Fährte von Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre". Burkhard C. Kosminskis Inszenierung begnügt sich mit Figurenschach.

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Es sind schon die 14. Schillertage in Mannheim. Das Nationaltheater gibt sich heuer (auch äußerlich) als Arena, in der die "Bestie Mensch" vorgeführt wird. Neun Tage zwischen Spektakel und exemplarischem Überblick. Neben aktuell inszeniertem Schiller stehen auch seine dramatisch-literarischen Spätfolgen im Zentrum: so Nicolas Stemanns hoch gelobte Version von Elfriede Jelineks Ulrike Maria Stuart, in dem sich die österreichische Nobelpreisträgerin, bis zu Schiller ausholend, mit dem deutschen RAF- Kapitel auseinandergesetzt hat. Oder die den gerade grassierenden Aufführungspurismus konterkarierende Wallenstein-Variante der Theatergruppe Rimini Protokoll. Oder die verspätete Uraufführung von Edouard Lalos 1868 geschriebener Oper Fiesque.

Der einst im Mannheim nicht gerade willkommen geheißene Autor Schiller als marketingtauglicher Klassiker und Anreger - das ist eine Melange, zu der natürlich auch eine Uraufführung passt. Die liefert der 40-jährige Münchner Lyriker und Erfolgsautor Albert Ostermaier mit seinem Auftragswerk Schwarze Minuten, frei nach der Novelle Verbrecher aus verlorener Ehre (1786) des ja stets von der Psychologie in den Kriminalstoffen faszinierten Schiller.

Es geht um die Geschichte eines jungen Mannes aus einfachen Verhältnissen, der auf die schiefe Bahn gerät, zum Ausgestoßenen und zum Mörder wird und der als Räuber unter dem Namen "Sonnenwirt" zu einiger lokaler Berühmtheit kommt.

Bei Schiller war der Versuch einer objektiven Sicht auf dass Kriminelle humanistische Ambition. In einer Zeit, da das zumindest der erklärte Standard sein sollte, hat es ein Autor von vornherein schwer. Ostermaier projiziert in schnellen Szenenschnitten und mit einer Sprache zwischen lakonischer Verdichtung und bei Schiller aufgeladenem Pathos die kriminelle Karriere des Loup Swan (Taner Sahintürk) in eine ungefähre Gegenwart. Er lässt ihn als Älteren (Reinhard Mahlberg) im Gefängnis mit sich und seinen Wärtern übers gescheiterte Leben reflektieren und zeigt damit zugleich die Hilflosigkeit von Strafe.

Florian Etti hat eine leere Fläche schräg über das Parkett gebaut. Nur ein Aufseher sitzt in einer verglasten Rangloge. Für die anderen reichen zwei Tische und ein paar Stühle. Szenische Andeutungen, die dem Wort Raum lassen.

Enge Bezugswelt

Angedeutet wird das Umfeld: die enge Welt der Mutter (Ragna Pitoll), die berechnende Freundin Jeanne (Hannah von Peinen), die zum mehr bietenden Konkurrenten Robert (Michael Fuchs) wechselt und dann doch im Warten auf den Eingesperrten untergeht.

Das Publikum schaut von der Bühne aus einem Figurenschach zu, mit dem Regisseur Burkhard C. Kosminski sein für Mannheim von über 40 auf 13 Akteure reduziertes Personal anderthalb Stunden lang bewegt. Doch bewegend oder wirklich berührend wird dieses Kreisen um desolate Seelenzustände nicht.

Wohl auch, weil Ostermaier in der kleinen, seine Figuren letztlich nicht entwickelnden und auslotenden Form (zu) viel auf einmal will - das exemplarische Einzelschicksal, seine gesellschaftliche Einbindung und auch die unabgegoltene Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von Strafe in der Gegenwart. Doch auch der moderne Knast ohne Resozialisierungsgarantie macht nicht jeden seiner Insassen per se zur personifizierten Anklage des Systems, wie weiland die Häftlinge von Schillers Herzog. Und auch nicht jeder lebende Autor blickt automatisch weiter, wenn er sich auf die Schultern eines Klassikers stellt. (Joachim Lange aus Mannheim/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 6. 2007)

  • Loup Swan (Taner Sahintürk, vorne) bei der allmählichen Entwicklung krimineller Energien.
    foto: nationaltheater mannheim

    Loup Swan (Taner Sahintürk, vorne) bei der allmählichen Entwicklung krimineller Energien.

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