Bullenreiten mit Kracherlhüten

26. Juni 2007, 14:46
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Kreative Windstille in der burgenländischen Tiefebene: Stars und Sternchen einer vermeintlich alternativen Musikszene

Der nicht gerade für seine Fröhlichkeit bekannte Smashing-Pumpkins-Sänger Billy Corgan steht auf der Blue Stage des Nova-Rock-Festivals auf einem romantisch "Pannonia Fields II" benannten Gelände nahe des burgenländischen Nickelsdorf und ist mäßig guter Stimmung. Ein bisschen schlechte Laune und Ärger über sich selbst wären hier auch angebracht. Schließlich haben uns Leute wie Corgan Spektakel jener Art, wie sie an diesem Wochenende in der Nähe von Nickelsdorf stattfinden, mit eingebrockt.

Im Gefolge von Nirvanas Megaseller Nevermind gehörten Bands wie die Pumpkins zu den ersten, die den Hype der Grunge-Ära kommerziell nutzen konnten und mit gefüllten Stadien einem Zweig der Musikindustrie auf die Sprünge halfen, den wir so schnell wohl nicht mehr loswerden. Gerade am zunehmend expandierenden Festival-Sektor scheint der "Alternative Mainstream" eine verlässliche Stütze für eine über rückläufige Plattenverkäufe jammernde Musikbranche geworden zu sein.

Die Karawane des Grauens zieht also immer weitere Kreise und macht so ziemlich überall Halt, wo sie Futter bekommt. Auch der hiesige und heuer sehr gut organisierte Veranstaltungsmarathon mit 54 Bands lockt an drei Tagen insgesamt 160.000 Fans an.

Ein Blick auf das Line-up des ironiefrei Nova Rock betitelten Festivals macht das strukturelle Problem augenscheinlich: Auf zwei Bühnen tummeln sich hier neben den Genannten jede Menge untoter Größen aus den 1990er- und frühen Nullerjahren, wobei das Hauptaugenmerk auf diversen Metal-Spielarten liegt (Machine Head, Papa Roach, In Flames, Clawfinger, der unvermeidliche Marilyn Manson, die immer noch teuflisch guten Slayer ...). Auch das Kabarett mit seinen Lachnummern hat hier mit Lordi, den finnischen Song-Contest-Siegern von 2006, seinen Platz. Als zeitgenössische Helden der Jugend konnte man die umjubelten Billy Talent sowie The Killers verpflichten.

In Summe also ein von nahezu jeglicher Inspiration befreites Potpourri aus ehemals großen Namen des "alternativen" Musikgeschäfts. Nach den Absagen von Bright Eyes und Modest Mouse verbleiben nur wenige interessante Bands, die sich jedoch schon bei Tageslicht die Ehre geben müssen. So spielen die englischen Editors mit ihrem fabelhaften, an Ian Curtis und Joy Division erinnernden Sänger Tom Smith ein mitreißendes Set, während sich das anwesende Publikum noch mit überteuerten T-Shirts versorgt oder mit Werbegeschenken der anwesenden Konzerne spielt. Der Renner: ein roter Sonnenhut eines US-Brausegetränks, welches frühere Festival-Generationen noch überwiegend ignoriert hätten.

Passend dazu und wirklich lustig, das am Jack-Daniels-Stand stattfindende elektrische Bullenreiten, bei dem angeheiterte Jungmänner versuchen, sich möglichst lange oben zu halten. Musik zu diesem Zeitpunkt: Nebensache.

Ziegenbart-Meeting

Anders die Situation vor der kleineren Red Stage, deren Areal sich fest in der Hand der Ziegenbärte befindet. Hier regiert schon beim frühabendlichen Konzert der Ska-Punk-Veteranen Reel Big Fish ausgelassene Tanzstimmung. Doch für einige, die mittlerweile den frühen Bieren Tribut zollen müssen, ist der heutige Tag bereits vor Sonnenuntergang vorbei. Sie finden ihr Bett mitten auf der Wiese.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht der Auftritt der Smashing Pumpkins. In weiße Gewänder gehüllt, eröffnet man mit dem neuen Song United States, einem Gitarrenmonster inklusive einer als Hendrix-Zitat angelegten Interpretation der US-Hymne. Sänger Corgan gibt auf der kühl wirkenden Bühne den Messias, der mit der Menge vorwiegend mittels mystischer Armbewegungen kommuniziert.

Vielleicht liegt es auch an der etwas aufgesetzt wirkenden Maulfaulheit des Frontmanns, dass hier der Funke nicht so recht überspringen will. Obwohl die Band gut eingespielt ist, kommt lediglich bei den alten Gassenhauern (herausragend Disarm und 1979) Begeisterung auf. Wobei die glorreiche Zeit auch schon über zehn Jahre zurückliegt. Nun also die voll im Trend liegende Reunion-Tour. Ob die Welt diese Auferstehung gebraucht hat, wird das neue Album zeigen. Es trägt den beängstigenden Titel Zeitgeist.

Wenn man diesem Festival so etwas wie eine Seele zugestehen will, dann ist sie flach, flach wie die pannonische Tiefebene. Die hat ihr Gutes. In ihr lässt sich auch das Weite suchen. (Christian Raml aus Nickelsdorf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 6. 2007)

  • Billy Corgan beschwor mit den Smashing Pumpkins bei "Nova Rock" den "Zeitgeist" vergangener Jahre.
    foto: christian fischer

    Billy Corgan beschwor mit den Smashing Pumpkins bei "Nova Rock" den "Zeitgeist" vergangener Jahre.

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