Die aufgeheizte Stadt

19. Juni 2007, 20:18
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Götterbaum, Rotwangen- Schmuckschildkröte und Nutria: In der Wiener Natur finden sich viele Zuwanderer - wird es wärmer, steigen deren Lebenschancen

Im Lainzer Tiergarten hat es gerade geregnet. Es ist ein bisschen kühl und der Geruch der feuchten Erde steigt auf, wenn man über den Weg von der Nikolaikapelle im Norden des Naturschutzgebietes in den Wald hineingeht. Auf einer Lichtung auf dem Weg zum Grünauer Teich vertreten sich zwei Wildschweinfamilien die Beine. Bei diesem Anblick wird das ehemalige Jagdgatter seinem Namen Lainzer Tiergarten gerecht, obwohl sich so mancher Besucher wundert, dort keine Löwen und Giraffen vorzufinden, erzählt Alexander Mrkvicka von der MA 49 (Forstwirtschaft und Landwirtschaftsbetrieb). "Ja, wirklich", bekräftigt er.

Klimawandel beginnt

Auf den ersten Blick sieht man im Wald wenig Veränderungen, die auf den Klimawandel hindeuten, denn "heimisch ist hier viel", sagt Mrkvicka. 2300 ist die genaue Zahl der Pflanzenarten, die in diesem Teil des Wienerwaldes vorkommen. Von ihnen ist ein Drittel in den vergangenen 500 Jahren hinzugekommen. Eine dieser Arten war vor 100 Jahren noch eine Rarität, die sich mittlerweile nicht nur in den Schrebergärten gut hält, sondern auch die Wiener Grünräume bevölkert: der Götterbaum. Und auch die Robinie, eine Immigrantin aus Amerika, hält von Haus aus viel Trockenheit und Hitze aus und wächst vermehrt auf Wiener Boden. Wenn sich das Klima erwärmt und es gleichzeitig feuchter wird, dann kann sich das auch für so manche heimische Pflanze positiv auswirken. Der Ökologe Mrkvicka nennt als Beispiel die Eiche, die mit der Buche den Großteil des Baumbestandes des Tiergartens ausmacht. Sie könnte im Sommer besser wachsen.

"Der Klimawandel hat schon begonnen, auch in Wien", sagt Rüdiger Maresch, Umweltsprecher der Wiener Grünen. Es werde weniger regnen und es werde auch zu mehr Wetterturbulenzen kommen, fasst er die Prognosen zusammen. Und in Hinblick auf den Sturm "Kyrill" fügt er hinzu: "Nächstes Jahr werden die Stürme Frauennamen tragen." Ein Anzeichen für den Klimawandel war, dass tropische Viren "wie zum Beispiel das Usutu-Virus" im Winter überleben. Dieses Virus zeichnet für das Amselsterben in Wien und Umgebung 2001 verantwortlich. In den darauffolgenden Jahren begann es sich in die Nachbarländer auszubreiten. Normalerweise überlebt Usutu den Winter nicht, doch der heurige Winter war mild. Einige Vogelarten seien im Frühjahr nicht da gewesen. In der Stadt könnten bald auch jene Wärme liebenden Arten im Freien überwintern, die sonst nur im Gartenschuppen die Kälte überlebten. Und auch die durch Heizungen erwärmte Stadt trägt das ihre dazu bei, dass sich zum Beispiel der Sommerflieder, der am Land abfriert, in der Stadt hält, sagt Maresch.

Der Lainzer Tiergarten ist von der Stadt und auch von den Schrebergärten, die gleich angrenzen, durch eine Mauer getrennt. Dort, unweit der Wildschweine, hat sich in einer größeren Mulde Wasser gesammelt, in der Kaulquappen Geschwindigkeitsrekorde aufstellen. "Wenn es morgen nicht ordentlich regnet, dann werden die es nicht überleben", sagt Irene Drozdowski vom Biosphärenpark Wienerwald. Wenn es in den kommenden Jahren wirklich wärmer wird, könnte dies eine Gefahr für Amphibien darstellen, weil ihr Lebensraum, die kleinen Gewässer, austrocknen könnten. Für den Feuersalamander könnte dies das Ende seines Habitats im Wienerwald bedeuten.

Nachhaltige Nutzung von Lebensräumen findet im Biosphärenpark Wienerwald, der 2005 von der Unesco anerkannt wurde, statt. Neun Prozent davon befinden sich in Wien, der Rest in Niederösterreich. Eine der Maßnahmen dazu ist die Kür der Wiesen beziehungsweise deren Bewirtschafter zum Wiesenmeister. Denn nur durch die Pflege wird für (Rote Liste)-Arten wie Gottesanbeterin oder Wachtelkönig Lebensraum geschaffen. Zur Nachhaltigkeit gehört nicht, standortfremde Arten in Wald und Wiesen zu bringen, die mit wärmeren Bedingungen zurechtkommen. "Das ist bisher immer schief gegangen", sagt Mrkvicka. Es heißt, ein wenig Geduld zu haben. Wenn zum Beispiel der Regen wieder eingesetzt hat und nicht aufhören will zu fallen. (Marijana Miljkovic, Andrea Dee/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 6. 2007)

Klimawandel in Österreich, Teil 2
  • Der Lainzer Tiergarten am Wiener Stadtrand gehört mit seinen 2400 Hektar zum Wienerwald. Der Klimawandel findet dort schon statt: Bäume, die sonst nur als Zierpflanzen überlebten, breiten sich nun auch im Wald aus.
    foto: christian fischer

    Der Lainzer Tiergarten am Wiener Stadtrand gehört mit seinen 2400 Hektar zum Wienerwald. Der Klimawandel findet dort schon statt: Bäume, die sonst nur als Zierpflanzen überlebten, breiten sich nun auch im Wald aus.

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