Katerstimmung bei Sarkozy nach Dämpfer bei zweitem Wahlgang

4. Juli 2007, 17:14
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Sozialisten als jubelnde Verlierer - "Blaue Welle" der UMP verebbt in der Nationalversammlung - Mit Grafik

Der lange Wahlfrühling hat in Frankreich zum Schluss doch noch eine Überraschung gebracht: Die Sozialisten legten gegenüber 2002 deutlich zu und kommen in der 577-köpfigen Nationalversammlung auf 186 Sitze. Sie feierten am Sonntag ihren unerwarteten Vormarsch, den sie in erster Linie einem Steuerdisput innerhalb der Rechten verdanken können. Die Linksopposition erhält zudem Verstärkung durch 15 parteilose Linke, 15 Kommunisten und vier Grüne. Sie verhandeln nun über die Bildung einer eigenen Fraktion, die mindestens 20 Mitglieder umfassen muss.

Die bürgerliche "Union für eine Volksbewegung" (UMP von Staatschef Nicolas Sarkozy erhält "nur" 313 Sitze, 46 weniger als bei der Wahl von 2002. Sie stellt zwar die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung. Doch in der Parteizentrale herrschte Katerstimmung, da Sarkozys Reform-Elan bereits einen starken Dämpfer erhalten hat.

Die UMP erhält Unterstützung durch 22 Abgeordnete des "Neue Zentrums" aus übergelaufenen Mittepolitikern. Die ehemalige UDF, die heute unter dem Etikett MoDem (Mouvement Démocrate) antritt, kam nur noch auf drei Sitze, wobei einer auf Parteichef François Bayrou entfällt. Der rechtsextreme Front National errang wegen des Mehrheitswahlrechts keinen einzigen Sitz.

Verbitterter Juppé

Wie rasch die "blaue Welle" von Sarkozys UMP verebbt ist, zeigte sich in der persönlichen Niederlage des ehemaligen Premierministers Alain Juppé in Bordeaux. 2004 hatte er wegen einer Korruptionsaffäre für seinen früheren Parteichef Jacques Chirac den Kopf hingehalten und wegen einer Gefängnisstrafe pausieren müssen. Nun scheint seine politische Laufbahn erneut gefährdet. Verbittert, meinte er gestern zu Journalisten: "Ihr wärt zufrieden, wenn ich noch völlig verrecken würde."

Juppé, derzeit Nummer zwei der aktuellen Regierung, erklärte auch umgehend den Rücktritt als Umweltminister. Sarkozy, der die Regierung Fillon formell neu bildete, muss nun einen neuen Vize-Premier suchen. (Ein weiteres Opfer auf der Rechten ist der Anti-Terror-Richter Jean-Louis Bruguière, der in seinem zentralfranzösischen Wahlkreis scheiterte. Zahlreiche Sozialisten wie Dominique Strauss-Kahn, Laurent Fabius oder Arnaud Montebourg schafften hingegen - teils überraschend - ihre Wiederwahl. (brä/DER STANDARD, Printausgabe, 19. Juni 2007)

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    Der Rücktritt von Vize-Premier und Umweltminister Alain Juppe scheint unausweichlich.

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    Nikola Sarkozy musste am bei zweiten Wahlgang am Sonntag einen Dämpfer hinnehmen.

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    grafik: der standard
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