Krimischiene: Fatale Indizien und seltsame Bräuche

26. Juni 2007, 12:46
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Michael Collins' "Schlafende Engel", Patrick Lennons "Tod einer Strohpuppe", Pablo de Santis "Die sechste Laterne" und Gabriel Baryllis "Ballerina"

Fatale Indizien: Es beginnt mit einer Lüge, die in einem Albtraum endet: Als der Polizist Lawrence das kleine Mädchen findet, das von einem Auto überfahren wurde, hat der Bürgermeister der Stadt ganz eigene Vorstellungen von der Suche nach dem Täter. Lawrence lässt sich auf einen Deal ein. Er fälscht den Unfallbericht und erhält dafür das Versprechen beruflichen Aufstiegs. Lawrence soll Kyle decken, den vermutlichen Verursacher des Unfalls. Kyle ist Baseballspieler, schlicht von Gemüt und Geist, muss unbedingt ein wichtiges Spiel gewinnen und soll daher nicht mit Verhören belastet werden. Zu spät merkt Lawrence, dass er in eine fatale Indizienkette gerät, die ihn selbst schuldig aussehen lässt. Michael Collins' Schlafende Engel (Deutsch: Eva Bonne, € 9,30, BTB) ist für den deutschen Sprachraum ein Debüt und verdient das Prädikat bemerkenswert.

Seltsame Bräuche: Der Brite Patrick Lennon bringt zwei Welten zusammen, die nicht zueinander passen: die idyllische Landschaft der Fens mit ihren putzigen Häusern und dem Campus von Cambridge und den finsteren Trupp der russischen Ex-Soldaten, die sich in der Gegend herumtreiben. Ein junger Mann, der für einen Landmaschinenhändler arbeitete, landet kopfüber in einem Schredder und wird zerhäckselt. Dieser Händler hat vor Kurzem eine sehr hübsche Russin aus dem Katalog geheiratet, also haben die beiden Welten doch irgendetwas miteinander zu tun. Tom Fletcher, Anti-Alkoholiker und beziehungsgestört, ermittelt meist ohne Plan und mit viel Glück in Tod einer Strohpuppe (Deutsch: Barbara Ostrop, € 15,-, dtv). Der sehr skurrile Roman macht uns mit den absonderlichen Bräuchen einer ländlichen Bevölkerung vertraut, welche eine Menge zu verbergen hat.

Unendlicher Turm: Ist Die sechste Laterne (Deutsch: Claudia Wuttke, € 20,50, Unionsverlag) ein historischer Roman, eine philosophische Abhandlung über Architektur, die nie gebaut wurde, oder eine schwer verrätselte Detektivgeschichte? Der Argentinier Pablo de Santis erzählt die fiktive Biografie Silvio Balestris, der in New York Arbeit sucht und in einem berühmten Architekturbüro landet. Er fängt ganz unten an, dort, wo die Kopisten in kafkaesker Atmosphäre Pläne abzeichnen, steigt dann aber in die mythenumwobenen oberen Etagen auf, wo er Kollegen bespitzeln soll, die angeblich Pläne an die Konkurrenz weitergeben. Balestri gerät in das Netz einer Geheimgesellschaft und am Ende seines Lebens vollkommen in Vergessenheit. De Santis fesselt durch seine Gelehrsamkeit, die er in viele Querverweise und Anspielungen einfließen lässt. Wer Borges liebt, wird auch De Santis huldigen.

Gefährliche Oper: Jemand bringt ein Dutzend Tänzerinnen der Wiener Staatsoper um, und das in einem Tempo, dass die Kriminalpolizei gar nicht nachkommt. Das ist der Plot von Gabriel Baryllis Ballerina (€ 20,50, Langen Müller), mit dem es den "in der heutigen Kulturlandschaft einzigartigen" Autor (Klappentext) ins Krimifach verschlagen hat. Barylli will hoch hinaus und fällt tief. Statt Spannung mit Lokalkolorit bekommt man pseudophilosophische Abschweifungen in sich selbst verliebter, nicht mehr junger Männer serviert. Plattitüden werden durch sprachlich dürftige Dauerwiederholung nicht zum Tiefsinn, und die schwülstigen Sexszenen sind eher peinlich. Künstler sind ein lockeres Völkchen, muss der Kommissar erkennen. Warum die Mädchen erstochen wurden? Das Motiv ist nicht originell, und wenn man eine Lehre ziehen will: Es erwischt sowieso immer die Falschen. (Ingeborg Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.6.2007)

  • Artikelbild
    buchcover: btb
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