Die Krim unter "Lenins Oberleitung"

18. Juli 2007, 10:19
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Europas längste Obus-Linie von Simferopol nach Jalta ist legendär - auch ohne die falsche Lenin-Legende

Lenin hat die Koffer gepackt. In Sommerfrischler-Pose sitzt er auf einer Bank, leger liest er in einem Buch. Die Statue im Park vor dem Bahnhof von Simferopol, für Millionen Sowjetbürger begann mit deren Anblick der Urlaub auf der Krim, der Erholungsfabrik für müde Arbeitermuskeln und erschöpfte Funktionärshirne. Millionen mussten von Simferopol in die Sanatorien an der sonnigen Küste gebracht werden, das war dem Staat einen Rekord wert: Noch heute ist die 86 Kilometer lange Trolleybus-Verbindung nach Jalta die längste Oberleitungsstrecke Europas. Für die Krim aber ist sie viel mehr: Die Linie 52, die hier nur "die Trasse" genannt wird, ist eine moderne technische Legende.

Am 6. November 1959, als sie eröffnet wurde, war Lenin mit an Bord: Den Kühler des Busses, der auf dem ersten Streckenabschnitt über das Krimgebirge nach Alusta rund 700 Meter Höhenunterschied überwand, zierte sein Foto. Drei Jahre danach machte Georgij Michailowitsch Slavnij den Trolleybus-Führerschein, er zeigt das Datum gerne - im Museum auf dem staatlichen "Krimtrolleybus"-Betriebshof in Simferopol, der Hauptstadt der autonomen ukrainischen Krim-Republik, gehört das zur Guided Tour.

Der 78-Jährige ist der Direktor des Museums. "Die Ausbildung ist anspruchsvoll", erklärt der akkurat gegelte und gekämmte altersdünne Mann im feinen dunkelblauen Cordanzug. "Man muss nicht nur auf die Straße schauen, sondern über mehrere Spiegel auch stets den Kontakt zur Oberleitung im Auge haben. Einen Trolleybus zu steuern ist deshalb viel komplizierter, als einen Autobus zu fahren."

Langsame Legende

Die Stopps unterwegs, bei denen der Fahrer aussteigen und die Stromabnehmer wieder einhängen muss, wenn sie einmal aus der Führung gesprungen sind, kosten Zeit. Das ist doppelt schlecht, denn die Fahrt nach Jalta dauert ohnehin schon zweieinhalb Stunden. Die Legende lebt, aber sie ist langsam. Ein Durchschnittstempo von knapp 35 Stundenkilometern - vor 50 Jahren war die Linie 52 damit fast doppelt so schnell wie die damaligen Autobusse. Ist das genug fürs 21. Jahrhundert? Piotr Wladimirowitsch Kaschtschartsev wischt die Bedenken zur Seite. "Es gibt Konkurrenz, aber wir halten sie aus", verkündet der wuchtige Funktionär auf dem Chefsessel von "Krimtrolleybus". Der "Hauptfahrdienstleiter" im Range eines Generaldirektors des Ministeriums für Baupolitik, Architektur und Sozialwohnungen residiert in einem mit PVC ausgelegten Büro hinter einer schweren Doppeltür zwei Etagen unter dem Museum.

Piotr Wladimirowitsch hackt mit dem fleischigen Mittelfinger Zahlen in den Taschenrechner auf seinem Tisch. "Diese Trasse ist einzigartig", beginnt er sein Referat, "1661 Beschäftigte, ein Fuhrpark von 324 Bussen, alle 40 Meter steht ein Mastenpaar an der Strecke, insgesamt sind es 9988, diese halten 500 Tonnen Kabelgewicht. Auf der ganzen Halbinsel gibt es pro Jahr 45 Millionen Passagiere, 65 Prozent des Geschäfts allein ,auf der Trasse'." Zwei Drittel der Passagiere sind Pensionisten und Veteranen.

"Das ist unsere Nische. Die Taxifahrer geben ihnen keinen Rabatt. Bei uns dagegen haben sie sogar das verbriefte Recht auf verbilligten Transport", detailliert er seine Kalkulation. Zehn Griwna kostet die einfache Fahrt regulär - umgerechnet sind das 1,50 Euro. Quer über die graue Kunststoffwand hinter Piotr Wladimirowitsch zieht sich eine auf Plexiglas aufgetragene Karte der Strecke vom Flughafen der 340.000-Einwohner-Stadt bis nach Jalta. Schwarz-Weiß-Fotos illustrieren die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand. "Beim Bau kostete ein Kilometer eine Million Rubel", berichtet der knollennasige, kurz geschorene Mann und lacht laut. "So eine Investition wäre heute nicht mehr möglich."

Vor zwei Jahren stand die Trasse vor dem Aus. Der damalige Premierminister der Krim-Regierung, Anatoly Matvienko, ein Getreuer Julia Timoschenkos, wollte stattdessen die Eisenbahnlinie über Simferopol hinaus bis an die Küste verlängern. Piotr Wladimirowitsch lacht noch einmal. "Das wollten schon die Zaren! Insgesamt 600 Busse werden wir nun bei Skoda bestellen, für je 450.000 Euro", präzisiert er. Warum die Ukraine immer noch angewiesen ist auf Importe? Wieder lacht Piotr Wladimirowitsch, diesmal schallend. "Wir haben es probiert, in einer Fabrik in Dnjepropetrowsk, wo Raketen gebaut werden", erzählt er. "Aber Raketen bauen ist einfach, Trolleybusse bauen kompliziert."

Das ist das Stichwort für Georgij Michailowitsch Slavnij, den Museumsdirektor: "Neun Prozent Steigung. Das schafft nur Skoda." Im Einsatz waren die Busse früher fast rund um die Uhr. Täglich gab es damals 210 Busse nach Alusta. "Es fuhr alle zwei Minuten einer, alle waren voll."

Komfortable Rechnung

So wird es nie wieder werden, in den Augen des Museumsdirektors steht traurige Gewissheit darüber. Aber "die Ukraine hat verstanden, dass Trolleybusse die ökologische Alternative sind - und dass wir mit ihnen unabhängig vom Öl aus Russland sind." Elektrische Energie stellt die Ukraine in den Kraftwerken der Don-Ebene selbst im Überfluss her. "Mit den neuen Bussen wird der Komfort steigen, es wird eine bessere Heizung und bessere Sitze geben", erläutert Piotr Wladimirowitsch. Wird dafür auch der Fahrpreis steigen? Er zieht die Augenbrauen hoch. "Njet. Dafür gibt es keine Notwendigkeit. Der Betrieb ist ja billig. Denn Energie ist billig."

Die Legende steht immer noch früh auf. Der erste Bus des Tages fährt um 5.25 Uhr am Bahnhof von Simferopol ab. Die Karosserie ist kantig, die 43 Kunstledersitze sind weich wie Pudding. Am Straßenrand stehen die Tankstellen der großen russischen Konzerne, die ukrainische Legende tschechischer Abkunft zuckelt mit stolz gereckter Kühlerhaube an ihnen vorbei. Lenin prangt nicht mehr auf ihr, Lenin ist auch nie mit ihr gefahren - nicht nur weil er 35 Jahre zu früh gestorben ist, um die Trasse selbst zu eröffnen. Auch hat er nie Urlaub auf der von ihm zum "Erholungs-Kombinat" ernannten Krim gemacht. Bevor sie in die Legende einstiegen, hatte der Urlaub für Millionen Sowjetbürger in Simferopol bereits mit einem PR-Schmäh begonnen. (Sebastian Balzter/Der Standard/Printausgabe/16./17.6.2007)

Anreise: Simferopol wird von der AUA nur im September mittels Sonderflug direkt angeflogen, als Alternative bietet sich die reguläre Verbindung nach Odessa und die Weiterreise mit der Bahn an. Spezialist für individuelle Reisen auf die Krim ist etwa United Tours.
  • Jalta: Endstation für die Trolleybus-Linie 52.
    foto: yalta.com.ua

    Jalta: Endstation für die Trolleybus-Linie 52.

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