Flippers Walheimat unter Beobachtung

22. Juni 2007, 17:00
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Whale-Watching auf den Kanaren boomt. Ein Berliner Verein auf La Gomera wacht darüber, dass daraus keine Verfolgungsjagd wird

"Da ganz hinten, der kommt zurück, der kommt auf uns zu." Sechs Augenpaare folgen der fuchtelnden Hand und versuchen einen Blick zu erhaschen. Ferngläser und Fotoapparate werden hochgerissen. Wie eine Nussschale schaukelt das ausrangierte Fischerboot auf den Wellen des atlantischen Ozeans. Aufgeregt drehen und wenden die wetterfest gekleideten Passagiere die Köpfe und beugen ihre Oberkörper zuweilen gefährlich weit über Bord. Angespanntes Beobachten und zwischendurch lautstarke Begeisterung ruft hervor, was man wenige Kilometer von der Küste der zweitkleinsten Kanaren-Insel, La Gomera, entfernt, nun endlich erspäht.

"Ein Delfin? Nein ein Pilotwal", die Kundigeren sehen es schon an den Rückenflossen, die ebenso schnell in den grauen Fluten verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Jetzt steigt der Adrenalinspiegel, nachdem sich der Erfolg nach zwei Stunden Tuckern zuletzt doch noch einstellte. Nach der wiederholten Enttäuschung, wenn sich die in der Ferne als Flosse identifizierte Erscheinung doch wieder nur als Wellen und Kräusel entpuppten, tauchen die Meeressäuger nach schier einer Ewigkeit auf. Bernd, der Skipper, hatte einen Hinweis per Funk erhalten: "Die Tina hat Pilotwale."

Nach einem Kurswechsel stößt man auf die Tina, ein größeres Ausflugsschiff. "Hier kennt und hilft man sich", sagt Bernd. Seit vielen Jahren fahren täglich vom Hafenort Vueltas im einst von den Blumenkindern zum Aussteigerparadies erkorenen Valle Gran Rey Boote mit den Touristen hinaus aufs Meer. Der Ozean südwestlich der Insel ist Heimat zahlreicher Meeressäuger. Pilotwale bis zu sieben Meter lang und drei Tonnen schwer, Fleckendelfine, aufgeweckte Spaßmacher mit einem Repertoire an akrobatischen Sprüngen, Rauzahndelfine, die sich nur selten in die Nähe des Menschen wagen - und selten auch Blauwale - durchpflügen das nährstoffreiche Wasser. Letzterer ist aber auch hier, in einem der an Meeressäugern reichsten Gewässern Europas eine Rarität.

26 Arten, ein Viertel aller Wal- und Delfinspezien, tummeln sich in den Wellen. Kaum eine Fahrt, die nicht von Erfolg gekrönt ist. "Wenn ein Tier rund vier- oder fünfmal so groß ist wie das eigene Boot, dann ist das schon beeindruckend", hatte Bernd während der langen Fahrt erzählt, um die Besucher bei Laune zu halten. Fürchten müsse man die Tiere nicht. Zwar seien sie neugierig aber durchaus scheu. "Ich dachte schon, wir sehen sie nie mehr", freut sich eine Dame aus Holland und bittet, man möge ihr doch die Fotos zukommen lassen. Ihre Kamera sei einfach zu langsam. Wohl bei keiner anderen Exkursion würde die Ausbeute der Hobby-Fotografen aus so vielen Wasser-Schnappschüssen bestehen, scherzt Bernd.

Defilee vor dem Bug

Manchmal neugierig wie die Menschen kommen Delfine tatsächlich bis in Griffweite. Fast eitel, aber durchaus vergnügt reiten sie auf den Bugwellen, um vor den Beobachtern zu defilieren. Glücklich schätzt sich, wer einen Walblas zu Gesicht bekommt, eine beeindruckende Fontäne, die meterhoch aus dem Wasser schießt. Allzu leicht könnte man vergessen, dass es sich hier keineswegs um einen Streichelzoo handelt. Nicht selten verdankt sich dieser Eindruck dem Verhalten der Meeressäuger selbst. Selbst die ganz Großen unter ihnen sind meist sanft wie die Lämmer, auch wenn es sich um bis zu 18 Meter lange und 50 Tonnen schwere Exemplare wie etwa Pottwalbullen handelt.

"Die Faszination ist nicht schwer zu verstehen", sagt Susanne Braack, Vorsitzende des Vereins M.E.E.R. auf La Gomera. Schönheit und Anmut ist es, was sie selbst und wohl auch die zahlreichen Schaulustigen mit den Tieren verbindet. "Unvergleichlich, wie graziös sie sich im Wasser bewegen", erinnert Braack sich an die Zeit vor zehn Jahren, als man noch mit den Walen gemeinsam durchs Wasser glitt. Heute ist diese Art von Tuchfühlung verboten. So groß wurde plötzlich der Andrang, dass sich die kanarische Regierung 1996 genötigt sah, die Walbeobachtungsaktivitäten gesetzlich zu regeln. Doch es gelte auch, die Regeln einzuhalten: "Die Meeressäuger sind ein lukratives Geschäft, ein Massenmarkt, der allein vor Teneriffa eine Viertelmillion Schaulustige begeistert."

Tatsächlich ist Whale-Watching mittlerweile ein florierender Wirtschaftszweig mit Wachstumsraten von jährlich 13 Prozent weltweit. Vor Teneriffa lässt sich die Prosperität an den zahlreichen Schiffen ablesen. Singende, Gläser schwingende Gäste, ausgestattet mit einer Sichtungsgarantie, vertreiben sich die Zeit bis zum Erinnerungsfoto zuweilen recht lautstark und feuchtfröhlich. Teneriffa ist einer der wenigen Plätze der Welt, wo man fast das ganze Jahr über Wale beobachten kann. Ein Tourismusangebot, das sich die Veranstalter nicht gerne entgehen lassen. Nicht selten kreuzen zahlreiche Barken, zuweilen zum Piratenschiff aufgemotzt, ihre Wege in ein und derselben Zone. "Wenigen ist bewusst, dass die Tiere bei lebenswichtigen Aktivitäten wie Fressen, Paarung oder Jungtieraufzucht gestört werden", meint Braack.

Meer-Verständnis

Dass sich Mensch und Natur nahe sein können, aber nicht in die Quere kommen müssen, will M.E.E.R. beweisen. Engagierte Tierfreunde kümmern sich mit Gleichgesinnten darum, dass den Tieren der Waltourismus nicht zu viel wird. Der echte Walfreund erweist sich schon dadurch, dass er bei der Anreise ein gemächliches Schiff wählt. Die neunzig Meter langen Schnellfähren, die ihre Passagiere mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 Knoten (ca. 75 km/h) von Insel zu Insel transportieren, sind nämlich selbst den flottesten Tieren zu schnell. Kollisionen sind vorprogrammiert - und wer dabei unter die Turbinen kommt, ist klar. Bei den Beobachtungsfahrten gelte es, so Braack, darauf zu achten, dass sich nicht mehr als zwei Boote in der Nähe der Tiere aufhalten oder dass Mutter und Jungtier nicht getrennt würden. Und wenn das Interesse der Tiere an den Besuchern erlischt, so bleibt nichts übrig, als das Weite zu suchen. "Die Pilotwale wollen heute nicht viel von uns wissen", gibt Bernd der Skipper das Zeichen zum Rückzug. Auch wenn die Whale-Watcher dann erst so richtig auf den Geschmack gekommen sind. (Regina Bruckner/Der Standard/Printausgabe/16./17.6.2007)

Ansichtssache: La Gomera mit Bildern von Oliver Weber.

Info: Gomera Live
  • Direkt hinter Vueltas beginnt das Valle Gran Rey, das in die Berge La Gomeras führt
    foto: sascha aumüller

    Direkt hinter Vueltas beginnt das Valle Gran Rey, das in die Berge La Gomeras führt

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