Die teuerste Hose der Welt

20. Juni 2007, 10:37
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Weil eine Änderungsschneiderei seine Hose verschmissen hat, fordert ein umtriebiger US-Richter 54 Millionen Dollar Schadenersatz

Die Geschichte der teuersten Hose, sie beginnt in einem der ärmeren Viertel der Stadt. In Fort Lincoln, weit im Osten Washingtons, einer Metropole, die nicht nur monumentale Machtzentren beherbergt, sondern auch Straßen von großer Tristesse. Die Bladensburg Road ist so eine Straße. Schnaps-Discounter, Reifen-Discounter, die Haarsprays des "B & B Discount Beauty Supply" und mittendrin, hinter der abgasverschmutzten Ziegelfassade der Nummer 3174, die Reinigung "Custom Cleaners" von Soo und Jin Chung.

In Fort Lincoln lebt Roy Pearson, ein mäßig erfolgreicher Jurist. 2002 hatte er sich mit dem Partner seiner Anwaltskanzlei überworfen, bekam kaum noch Aufträge, war praktisch arbeitslos. Dann, vor zwei Jahren, wurde er zum Verwaltungsrichter ernannt, dotiert mit 100.572 Dollar pro Jahr. In Amt und Würden musste Pearson wieder Anzüge tragen, und die fünf, die in seinem Kleiderschrank hingen, waren alle zu klein. Seit er sie zum letzten Mal brauchte, hatte er zehn Kilo zugelegt. Kein Problem, eine billige Lösung war leicht zu haben, es gab ja die Chungs mit ihrem Laden.

Familienbetrieb Nicht nur chemisch reinigen können sie, sondern auch Schuhe reparieren, Hochzeitskleider schneidern - und eben einen Hosenbund weiten. Im Schaufenster sitzt eine blonde Näherin: eine Leuchtreklame, sehr aufrecht, viel aufrechter als Frau Chung, die sich sehr tief über ihre Singer-Maschine beugt. Herr Chung wiederum hat zu organisieren, dass der richtige Kunde das richtige Hemd, die richtige Jacke bekommt. Aus Korea eingewandert, leben die Chungs seit 15 Jahren am Potomac, wo sie mittlerweile drei kleine Geschäfte betreiben.

Man schrieb den 3. Mai 2005, als Roy Pearson seine fünf Anzüge bei den Chungs auf den Ladentisch legte. Vier bekam er in tadellosem Zustand zurück, seinem Bäuchlein angepasst und frisch gebügelt. Beim fünften fehlte die Hose. Pearson zog vor Gericht, um die Chungs zu verklagen. Zum Aufhänger nahm er ein Schild, das sie, vielleicht unvorsichtigerweise, in ihr Schaufenster gehängt hatten. "Zufriedenheit garantiert" - einer dieser Slogans, wie man ihn leicht hinschreibt in Amerika, wo selbst die Werbung einer Imbissbude keinen Superlativ scheut.

Nicht zufrieden

Zufrieden sei er ganz und gar nicht gewesen. Im Gegenteil, seelisch zutiefst verletzt ob des Verlusts seiner Hose, klagte Pearson der Richterin diese Woche sein Leid. Anfangs wollte er 65 Millionen Dollar Entschädigung für die nicht garantierte Zufriedenheit, jetzt begnügt er sich mit 54 Millionen (rund 40,5 Mio. Euro). Für jeden einzelnen Tag stellt er Schadenersatz in Rechnung, und da sich seine Seelenqual länger als zwei Jahre hinzog, kommt ein hübsches Sümmchen zusammen. Plus 15.000 Dollar für einen Mietwagen. Den musste er jedes Mal ausleihen, um seine Wäsche in eine weiter entfernte Reinigung zu fahren. Plus Anwaltskosten: Der Jurist verteidigt sich selbst, wofür er 500.000 Dollar verlangt.

Und die Hose? Sie ist in der Zahlenflut längst untergegangen. Irgendwann fand sie sich, ein paar Tage zu spät, aber doch. Pearson aber schwört, dass es nicht seine war, gar nicht gewesen sein kann. Die graue Hose, die ihm die Chungs andrehten, habe einen Aufschlag. Und Hosen mit Aufschlag habe er zum letzten Mal zu Lebzeiten von Jimi Hendrix getragen. Übrigens, 10,80 Dollar hatte es gekostet, das Kleidungsstück zu ändern. Mit dem Urteil wird nächste Woche gerechnet. Für Pearson könnte es ein teurer Spaß werden. Die Kommission, die alle zwei Jahre über Washingtons lokale Richter entscheidet, hat angedeutet, dass sie den Streithammel nicht wieder ernennen will. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD-Printausgabe, 16./17.6.2007)

  • Schneider Jin Chung - hier vor dem Geschäft in eigener Hose - soll den Millionenschadenersatz bezahlen.
    foto: herrmann

    Schneider Jin Chung - hier vor dem Geschäft in eigener Hose - soll den Millionenschadenersatz bezahlen.

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