Salzburg: Gedenken an die "Judenwanderung"

20. Juni 2007, 10:37
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Im Sommer 1947 gelang rund 5000 Juden die Flucht über den Krimmler Tauern nach Italien - Zur Erinnerung findet die Gedenkwanderung "Alpine Peace Crossing" statt

Salzburg - "Es waren arme Menschen dabei, sie hatten nicht einmal einen Rucksack, da waren kleine Kinder, die hatten sie in einer Schachtel am Rücken, das Haus war oft voll. In der Nacht habe ich noch Mehlpapperl für die armen Kinder gekocht, ..." So brachte die 1985 verstorbene Wirtin des Krimmler-Tauernhauses, Liesl Geisler, ihre Erinnerung an die - von vielen Einheimischen euphemistisch "Judenwanderung" genannte - Flucht tausender, überwiegend osteuropäischer Juden über den Krimmler Tauern zu Papier.

Die so gut wie nicht ausgerüsteten, ausgemergelten Überlebenden der Konzentrationslager waren in einem Lager im Pinzgauer Saalfelden gesammelt worden und kamen jede zweite Nacht mit dem Lkw nach Krimml. Von dort marschierten sie hinauf zum Tauernhaus auf über 1600 Meter Seehöhe. Den Tag darauf lagerten sie im und um das Tauernhaus; es galt für den nächtlichen Übergang Kräfte zu sammeln. Historiker schätzen, dass im Sommer 1947 derart etwa 5000 Menschen über den 2634 Meter hohen Pass nach Italien gelangten. Von Italien aus ging es mit dem Schiff weiter nach Palästina.

Flucht einer Viertelmillion Menschen

Insgesamt flüchteten - von antisemitischen Ausschreitungen vertrieben - in den Jahren 1945 bis 1948 etwa eine Viertelmillion Juden aus Osteuropa in die westlichen Zonen. Die Hälfte gelangte über Salzburg nach Tirol und Italien. Als die französischen Behörden in Tirol Ende 1946 begannen, illegale jüdische Flüchtlingsgruppen zurückzuschicken, entschied sich die jüdische Flüchtlingshilfsorganisation Bricha für den harten Weg über den Krimmler Tauernpass ins Südtiroler Ahrntal.

Anlässlich der 60-Jahr-Wiederkehr des Exodus findet heuer von 28. bis 30. Juni die Gedächtniswanderung Alpine Peace Crossing statt. Auf Initiative des im Pinzgau geborenen Österreich-Direktors der französischen Bank BNP Paribas, Ernst Löschner, werden sich rund 200 Teilnehmer auf den Weg über den Tauern machen, darunter auch Zeitzeugen, die den Weg bereits 1947 bewältigen mussten. Den Auftakt bildet am 28. Juni eine Gedenksteinenthüllung in Saalfelden; der Ausgangspunkt für die Flucht der "displaced persons" über die Berge war das Lager Givat Avoda am Gelände der heutigen Wallnerkaserne.

Breite Unterstützung

Die Unterstützung für Löschners Initiative ist breit: Bundespräsident Heinz Fischer und der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano haben den Ehrenschutz übernommen. Im Ehrenkomitee finden sich Vertreter aller großen Religionsgruppen Österreichs, Vertreter der Bundesregierung, Zeitzeugen sowie Künstler, Journalisten und Repräsentanten zahlreicher heimischer Industrie- und Wirtschaftsunternehmen.

Neben der Erinnerung an die Strapazen der Flüchtlinge will Löschner die Gedenktour aber auch als Mahnung für die Gegenwart verstanden wissen: "Es ist eine Überquerung, die ebenso allen heutigen Menschen auf der Flucht vor politischer, rassischer oder religiöser Verfolgung gewidmet ist, wo immer sich diese auf der Welt manifestiert", heißt es im Aufruf zum Alpine Peace Crossing. (Thomas Neuhold/DER STANDARD-Printausgabe, 16./17.6.2007)

  • Jüdischer Exodus 1947: Flüchtlinge über den 2600 Meter hohen Pass
    foto: alpine peace crossing

    Jüdischer Exodus 1947: Flüchtlinge über den 2600 Meter hohen Pass

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