pathos und ironie

15. Juni 2007, 20:21
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... die nicht minder alte, aber leichtfüßige ironie kam erwartungsgemäß zu spät und hatte keine andere wahl, als sich neben das pathos zu setzen...

das pathos saß mit weißem bart und weinerlichem gesicht, mit borsalino, bekleckerter seidenweste und offenem hosentürl am oberen ende der festtafel. eine gestalt des jammers und der trübsal. und, wienerisch gesagt, voll in der fettn. da sich niemand gern zu einem alten gebrochenen mann setzt, blieb daneben auch ein platz frei. die nicht minder alte, aber leichtfüßige ironie kam erwartungsgemäß zu spät und hatte keine andere wahl, als sich neben das pathos zu setzen. das gespräch kam nur langsam in gang. das pathos beschwerte sich über die schlechten zeiten, in denen nichts mehr ernst genommen werde, schon gar nicht die hohe, die wirklich hohe kunst. damit meinte natürlich das pathos sich selbst, seine grandiosen leistungen in großen zeiten. manchmal beneide ich dich, sagte das pathos zur ironie, um deine distanz zu menschen und dingen, ja zu dir selbst. das pathos begann zu weinen und flüsterte ganz ohne pathos der ironie ins ohr: ich verzweifle an mir selbst. wenn du heute den mund aufmachst, liebe schwester, vermuten die menschen hinter deinen albernen bosheiten eine botschaft, wenn nicht gar abgründiges. rede ich, erwarten sie nur falsches, als wenn es nicht das echte pathos gäbe. die ironie begann das pathos ehrlich zu bedauern. man sollte auswandern, sagte das pathos. es gibt noch ein paar länder die mich verehren, ja meiner bedürfen. aber, wer zum teufel, will heute noch in einem solchen land leben? (Friedrich Achleitner/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.06.2007)
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    foto: berndorf
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