Ein Plädoyer ans Expertentum

Redaktion, 16. Juni 2007 13:00
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    Arch. Christine Diethör, Innenraum- Expertin

Niemand fühlt sich als Arzt, als Rechtsanwalt oder als Wissenschafter – aber Architekten sind sie alle! - Von Christine Diethör

Auf einigen Gebieten scheinen viele Menschen geborene Experten zu sein. Man kennt das zum Beispiel vom Fußball, wo ein eifriger Fan mit Sicherheit besser über die Mannschaft Bescheid weiß als der jeweilige Trainer. Auch die Verkehrsplanung ist ein Gebiet von unzähligen selbst ernannten Experten. Und natürlich fühlen sich zahlreiche Mitbürgerinnen auch als geborene (und verkannte) Planer und Architekten.

Dabei stellt sich die Frage: Wissen die Menschen tatsächlich so genau, was die beste Lösung ist? Die unausgebildete und dadurch zwangsweise beschränkte Sichtweise lässt nur das zu, was man gewohnt ist, was man kennt, und was man tagtäglich sieht. Leider ist die Unkenntnis der selbst ernannten Experten mindestens so groß wie ihre Selbstüberschätzung in Bezug auf das eigene Planungs- und Gestaltungsvermögen.

Eigenartig, dass dies gerade in der Architektur der Fall ist. Kein Mensch fühlt sich als Arzt, als Rechtsanwalt oder als Wissenschafter – doch Architekten sind sie alle. Die kommunale Politik schürt diese Anmaßungen, indem sie glauben macht, dass die Leute mitreden können und ihre Meinung etwas zählt. Das ist durchaus praktisch, denn so kann Volksnähe suggeriert werden. In diversen pseudodemokratischen Bürgerbeteiligungsverfahren feiern die kleinkrämerischen Partikularinteressen daher fröhliche Urständ.

Geht es um eine Platzgestaltung, ist das wichtigste Argument plötzlich das Platzerl zum Äußerln für den Fifi von Frau Müller oder der weite Weg bis zur Mülltonne für Herrn Maier. Im Gegenzug braucht die Politik für etwaige schlecht zusammengeschusterte Planungen keine Verantwortung mehr zu übernehmen – die Leute haben es ja schließlich selbst so gewollt!

Fakt ist: Wenn man Herrn und Frau Österreicher allen Ernstes nach Architektur und nach Gestaltung ihres Lebensbereiches befragt, dann ist das schlicht und einfach die totale Überforderung. Niemand würde einem Patienten nahe legen, dass er selbst seine Behandlung bestimmen oder das Operationsverfahren wählen soll, mit dem er kuriert werden soll. Will sagen: In der Sparte Architektur und Planung gibt es Expertinnen und Experten, die sich in ihrer Studienzeit mit den Grundkenntnissen der Architektur vertraut gemacht und in jahrelanger Praxis dann auch angewandt haben. Darauf kann man ruhig vertrauen. Profitieren würden alle davon. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.6.2007)

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12 Postings
hast1
27.06.2007 00:46

arzt, rechtsanw. ... versuchen gott sei dank nicht kreativ zu sein. daher taugt der vergleich nichts.

"die beschr. sichtw. lässt nur das zu was man kennt, tägl. sieht"
also ich sehe täglich bauwerke vom 16. - 21.jhdt.
ich wohne in einem über 100 jahre alten haus, weil die räume in diesen häusern ein vielfaches an lebensqualität, qualität der verwendeten materialien und verarbeitung, sowie gestaltungsmöglichkeiten bieten, und komme mit meiner beschränktheit ganz gut zurecht.

arcuscosinus
25.06.2007 17:28
"Experten" entscheiden, was "Expertentum" ist ??? Teil4

Fazit: Ein Haus kann man nicht einfach beurteilen, indem man als KritikerIn schnell mal durchspaziert und seine Eindrücke niederschreibt. Ein Haus muss man benutzen, also bewohnen. Daher ist die Kritik eines Benutzers immer noch mindestens genauso ernst zu nehmen wie die in einigen Tagen (wenns hoch her geht) Kritik einer ArchitektIn.

kurier leser
09.07.2007 16:42
Dieser Propf ist eine selbsternannte

Expertin.

arcuscosinus
25.06.2007 17:27
"Experten" entscheiden, was "Expertentum" ist ??? Teil3

Beispiel 3) Mittagszeit: die Kantine ist über eine Treppe im Freibereich (diesmal wenigstens überdacht) erreichtbar. Im Winter, sobald die feuchten Stellen auf dem unebenen Betonboden frieren, gibts eine mehrere Quadratmeter grosse Eisplatte. Das sind sicher Mängel aufgrund schlampiger Baudurchführung, allerdings sollte ein Architekt auch die Möglichkeiten für derartige Baumängel minimieren. Wir leben ja nicht im Märchenland sondern im freien markt.

Fazit: Ein Haus kann man nicht einfach beurteilen, indem man als KritikerIn schnell mal durchspaziert und seine Eindrücke niederschreibt.

arcuscosinus
25.06.2007 17:26
"Experten" entscheiden, was "Expertentum" ist ??? Teil2

oder durch (ich hab sie nicht gezählt aber sicher mehr als 30) Stufen erreichbar. Für gehbeinträchtigte Personen gibt es zwar einen Lift, aber gut versteckt und somit nur Insidern bekannt.
Was will uns das auffällig gestyte Haus sagen? Reinkommen ja, aber die nicht Normkonformen bitte unbemerkt ?

Beispiel 2) Hat man die Stiege bezwungen, dann kann man eintreten. Falls es regnet allerdings nur mit Schirm oder nass. Kurz nach den Stiegen und vor dem Eingang sind nämlich einige Meter unüberdacht zurückzulegen - sehr sinnvoll. Der vorher angesprochene Lift kann nicht als Umgehungslösung dienen, denn: 2500 Mitarbeiter - 1 Lift !?!?

arcuscosinus
25.06.2007 17:23
"Experten" entscheiden, was "Expertentum" ist ???

Natürlich sind die meisten Leute keine Ärzte oder Juristen, aber die Meisten wissen auch, wann die ärztliche Behandlung Mängel aufweist (2 Jahre Schmerzen nach Knochenbrüchen) oder das letzte juristische (Mach)Werk, das in Einklang mit den Grundrechten stehen soll, diese erst recht wieder verletzt.

Genauso ist es mit den Architekten: ich muss keiner sein, um beurteilen zu können dass das Haus Mängel aufweist, die mit einfachen Mitteln zu verhindern gewesen wären.

Betrachten wir mal die hochgelobte t-mobile Firmenzentrale am Rennweg, erbaut von Domenig, Eisenköck, preisgekrönt und nebenbei auch mein Arbeitsplatz.

Beispiel 1) Der Empfang befindet sich im ersten Stock und ist durch die Parkgarage (nur für Autofahrer) oder durch (ich hab si

Chaton bleu
 
16.06.2007 23:22
teil 2, weil der std nicht mehr als 750 zeichen erlaubt:

deshalb kann ein bestimmtes gebäude, ein bestimmter ort ja dennoch eine botschaft vermittelt, einen gedanken zum ausdruck bringen u.ä. die zitierten leute von der straße sind zwar keine expertInnen in sachen architektur, wohl aber nur allzuoft leidgeprüfte benutzerInnen dessen, was architektonisch verzapft wurden (wenn, so wie oben, wieder mal darauf vergessen wurde, wo denn nun süden ist - machmal fragt man sich, was außer akt-zeichnen am studienbeginn die architektInnen eigentlich gelernt haben).

übrigens fühlen sich sehr wohl viele leute als rechtsanwälte ('des g'kert verboten!'), ärzte ('i hät da gern was homöopathisches ...') und wissenschaftler ('chemie is schlecht!). also bitte nicht so wehleidig sein.

johann potakowskyj
 
24.06.2007 14:45
wie viele gschäftstüchtige

architekten es verbreiten, wollen auch auf den süden-schmäh hereinefallen -oder hereinfallen lassen.

es stimmt ausserdem nicht, was die dame oben sagt. architektn sollen bei gott keine monopol auf die gestaltung unserer umwelt haben.

sie sind einfach zu mies!
ja und das gilt vor allem für diplominnenarchitekten.

es scheint so zu sein, dass jeder, dem die gestaltenden kreativität ein bisserl fehlt, glaubt immer noch architekt werden zu können - und leider studuieren die dann das auch.

mfg
johann potakowskyj

Chaton bleu
 
16.06.2007 23:14
jaja,

weil die damen und herren architekten ja sooooooo kompetent sind (besonders dann, wenn sie von der Angewandten kommen ...) und in iher mega-kompetenz dann z.b. kaserenen hinbauen und dafür auf die häusln vergessen, fliegende dächer, wo man im winter im treppenhaus eislaufen kann (über die stufen) und glasfassaden, wo es im sommer dann 40 °C hat etc. ich glaube zwar auch, dass es viele gut architekten gibt (das sind nicht notwendigerweise die sog. Star-Architekten); aber es gibt einfach _zu_ viele schlechte! ich würde es zur maxime erheben, dass ein gebäude prinzipiell so gut wie möglich die bedürfnisse seiner benutzerInnen erfüllt und jegliches 'das gebäude bringt/fordert/zwingt den benutzer dazu ...' verbieten.

Alaska Saedelaere
16.06.2007 21:06
Niemand fühlt sich als Papierlklauber,

aber muss man deswegen einen mag. pap.kl. erfinden.

Friederike Palkovics
16.06.2007 19:07
Architekten

Jenen Architekten, die Wohnungen in Wien planen,
kann man nur vertrauen, wenn man das Gelübde zur Besitzlosigkeit abgelegt hat. In den meisten Wohnungen fehlt der Platz für Kästen, es gibt keinen Schrankraum oder Abstellraum.

Ich habe schon Wohnbaugenossenschaften deswegen angerufen, die haben nur gesagt, ich soll den Architekten fragen.

Bei Zimmer von nicht einmal 8 m2 und maximal 10 - 12 m2, Bädern von 3 m2, frage ich mich schon, was mir dann eine Wohnküche von 35 m2 bringt.

Für diese Pläne braucht man wirklich kein Architekturstudium. Die Damen und Herren sollen sich ihr Lehrgeld zurückzahlen lassen.

du auch
16.06.2007 16:49

Das problem ist, dass man viele Facetten der Architektur erst erlernen muss.

Da wir in unserer Zeit sowieso immer weniger Zeit haben, macht das keiner freiwillig (es sei denn erstrebt einen beruf in dieser branche an ).

Was jedoch sicher zum gefärhlichen Halb.Expertentum" beiträgt ist das Gestalten an sich.

Das macht jeder im kleiner oder größerem Ausmaß für sich zu Hause. Daher: die Menschen befassen sich in ihrer Freizeit damit.


Was man von anderen Berufen nicht unbedingt behaupten kann.Niemand operiert mal so zum Spass,um zu wissen wie es funktioniert.

Nehmen wir doch eine andere Berufssparte bei der es sich genauso erübrigt her: die Gärtner

Was glauben Sie wieviele selbsternannte Profi-Garten_Experten wir in Ö haben?

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