Niemand fühlt sich als Arzt, als Rechtsanwalt oder als Wissenschafter – aber Architekten sind sie alle! - Von Christine Diethör
Auf einigen Gebieten scheinen viele Menschen geborene Experten zu sein. Man kennt das zum Beispiel vom Fußball, wo ein eifriger Fan mit Sicherheit besser über die Mannschaft Bescheid
weiß als der jeweilige Trainer. Auch die Verkehrsplanung ist ein Gebiet von unzähligen selbst ernannten Experten. Und natürlich fühlen sich zahlreiche Mitbürgerinnen auch
als geborene (und verkannte) Planer und Architekten.
Dabei stellt sich die Frage: Wissen die Menschen tatsächlich so genau, was die beste Lösung
ist? Die unausgebildete und dadurch zwangsweise beschränkte Sichtweise lässt nur das zu, was
man gewohnt ist, was man kennt, und was man tagtäglich sieht. Leider ist die Unkenntnis der selbst ernannten Experten mindestens so groß wie ihre Selbstüberschätzung in Bezug auf
das eigene Planungs- und Gestaltungsvermögen.
Eigenartig, dass dies gerade in der Architektur der Fall ist. Kein Mensch fühlt sich als Arzt, als Rechtsanwalt oder als Wissenschafter – doch Architekten sind sie alle. Die kommunale Politik schürt diese Anmaßungen, indem sie glauben macht, dass die Leute mitreden
können und ihre Meinung etwas zählt. Das ist durchaus praktisch, denn so kann Volksnähe suggeriert werden. In diversen pseudodemokratischen Bürgerbeteiligungsverfahren
feiern die kleinkrämerischen Partikularinteressen daher fröhliche Urständ.
Geht es um eine Platzgestaltung, ist das wichtigste Argument plötzlich das Platzerl zum Äußerln für den Fifi von Frau Müller oder der weite Weg bis zur Mülltonne für Herrn Maier.
Im Gegenzug braucht die Politik für etwaige schlecht zusammengeschusterte Planungen
keine Verantwortung mehr zu übernehmen – die Leute haben es ja schließlich selbst so gewollt!
Fakt ist: Wenn man Herrn und Frau Österreicher allen Ernstes nach Architektur und
nach Gestaltung ihres Lebensbereiches befragt, dann ist das schlicht und einfach die totale
Überforderung. Niemand würde einem Patienten nahe legen, dass er selbst seine Behandlung
bestimmen oder das Operationsverfahren wählen soll, mit dem er kuriert werden soll. Will sagen: In der Sparte Architektur und Planung gibt es Expertinnen und Experten, die sich in ihrer Studienzeit mit den Grundkenntnissen der Architektur vertraut gemacht und in jahrelanger Praxis dann auch angewandt haben. Darauf kann man ruhig vertrauen. Profitieren würden alle davon. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.6.2007)