"Die Macht in der legitimen Hand"

25. Juni 2007, 19:00
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Mohamad Saad Elkatatny, Führer der Muslimbrüder im ägyptischen Parlament, im STANDARD-Interview über den Konflikt Hamas-Fatah

Die Hamas war legitimiert, der Fatah die Macht zu entreißen, sagt der Führer der Muslimbrüder im ägyptischen Parlament, Mohamad Saad Elkatatny, im Interview mit Gudrun Harrer.

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STANDARD: Beschreibe ich es richtig, wenn ich sage, dass die Hamas und die ägyptischen Muslimbrüder ideologisch viel verbindet?

Elkatatny: Ja, das ist richtig. Aber es sind natürlich zwei völlig unabhängige Organisationen. STANDARD: Wie kommentieren Sie die Lage im Gazastreifen, wo die Hamas die Fatah hinausgeworfen hat?

Elkatatny: Die Palästinenser haben ein großes Problem. Es war zweifellos notwendig, dass die verschiedenen Sicherheitsagenturen unter einen Befehl kommen. Es konnte nicht so weitergehen, mit den vielen Waffen bei den verschiedenen Fraktionen. Die Macht musste in einer legitimen Hand versammelt werden.

STANDARD: In der Hand der Hamas. Elkatatny: Da geht es nicht um die Hamas. Es war für sie notwendig, die Kontrolle zu übernehmen, um die Bevölkerung zu schützen, nicht weil sie die Hamas ist, sondern weil sie die Regierung ist.

STANDARD: Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen für diesen Bruderkrieg?

Elkatatny: Das Problem ist, dass sich eine Minderheit in der Fatah an die Macht klammert, die sie bei den Wahlen verloren hat. Sie hält sich auch nicht an die geschlossenen Vereinbarungen für eine Einheitsregierung, in der alles im Konsens beschlossen werden sollte. Die Hamas beklagt auch, dass diese Kräfte von außen gelenkt sind und eine andere als eine palästinensische Agenda verfolgen. Deshalb war der Widerstand der Hamas gegen diese Kräfte so groß, und sie war bereit, alles zu riskieren.

STANDARD: Nach eigener Definition vertreten Sie einen politischen, aber dennoch gemäßigten Islam. Bewegungen wie die Ihre, aber auch die Hamas im Gazastreifen geraten heute durch Kräfte unter Druck, die auch Sie als extremistisch bezeichnen. Al-Kaida ist in der ganzen Region auf dem Vormarsch.

Elkatatny: Leider gibt es diese Kräfte. Es herrscht ein großes Durcheinander. Die Gruppen werden von außen unterstützt, von Syrien, Iran und den USA, mit Geld und Waffen, deshalb gedeihen sie.

STANDARD: Fasst Al-Kaida auch in Ägypten Fuß?

Elkatatny: Extremismus gibt es auch in Ägypten, nicht den der Kaida, aber in einer anderen Form. Man sollte ihn nicht unterschätzen. Sollte etwas in Ägypten aus dem Ruder laufen, könnte er voll aufbrechen, und das wäre für niemanden gut.

STANDARD: Die EU boykottiert die Hamas trotz ihres Wahlsieges. Wie sehen Sie die Rolle der Europäer in der Region? Elkatatny: Die USA sind nicht mehr willkommen, deshalb wünscht sich die gesamte Region eine größere Rolle der Europäer. Da ist ja auch die geografische Nähe, und es gibt historisch zwischen uns mehr Verbindendes als Trennendes. Wir wünschen uns eine ausgewogene, glaubwürdige europäische Politik. Aber manche haben sich aus Eigeninteresse auf die Seite der USA geschlagen, und das erzeugt Misstrauen. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.6.2007)

  • Mohamad Saad Elkatatny ist Fraktionsführer des Blocks der 88 Muslimbrüder im ägyptischen Parlament. Die Muslimbrüder als Partei sind verboten, deshalb treten sie als "Unabhängige" zu Wahlen an. Elkatatny hielt diese Woche Vorträge in Graz und Wien.
    foto: cremer

    Mohamad Saad Elkatatny ist Fraktionsführer des Blocks der 88 Muslimbrüder im ägyptischen Parlament. Die Muslimbrüder als Partei sind verboten, deshalb treten sie als "Unabhängige" zu Wahlen an. Elkatatny hielt diese Woche Vorträge in Graz und Wien.

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