"Mir tut Neil Shicoff leid"

15. Juni 2007, 18:47
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Philharmonikerchef Clemens Hellsberg im STANDARD-Gespräch über das neue Staatsopernduo und Terminnöte

Wien – Der Präsentation des neuen Staatsopernduos blieb er fern, aber eine Meinung hat Philharmonikervorstand Clemens Hellsberg doch: "Herr Meyer ist ein Fachmann, hat Respekt vor den Künstlern. Bei administrativen Leitern ist es so wie bei Schiedsrichtern: Sie sind am besten, wenn man sie nicht bemerkt." Um Missverständnissen vorzubeugen: "Ich sehen jemanden nicht als Idealpartner, wenn er all das tut, was ich sage. Ich erwarte mir Leute mit eigenen Ideen."

Zu Franz Welser-Möst: "Mit ihm haben wir einen guten Kontakt. Manchmal ist es mit Dirigenten Liebe auf den ersten Blick, dann gibt es Beziehungen, die sich über längere Zeit entwickeln – wie bei Harnoncourt. So war es auch bei Welser-Möst. Als er bei Tristan einsprang, hat man gesehen, was da an gegenseitigem Verständnis da ist." Der philharmonische Einfluss auf die Staatsopernentscheidung? "Wir wurden weder von der Ministerin noch vom Kanzler um einen Vorschlag gebeten. Als man uns nach einem Konzept gefragt hat, haben wir ein Anforderungsprofil abgeliefert, das manchen ausschloss. Etwa jenen, der das Repertoiresystem nicht akzeptiert."

Gemeint ist – Hellsberg nennt keinen Namen – Zürich-Chef Alexander Pereira, nicht Neil Shicoff. "Unser Konzept hat Shicoff nicht ausgeschlossen. Dass man gegen ihn angeführt hat, er hätte noch nie ein Opernhaus geleitet, fand ich kein Argument. Der jetzige Direktor hatte auch keine Opernhauserfahrung. Dass man gleich von vornherein die Möglichkeit ausschloss, dass Shicoff Erfolg haben könnte, das hat mich verwundert. Mir tut er leid, er ist ein großer Künstler." Einer, der übrigens am Donnerstag in Werther heftig beklatscht wurde.

Bei der angedachten neuen Probenregelung mit dem Staatsoperorchester vertraut Hellsberg dem Orchesterbetriebsrat: "Ich will da nicht stören. Klar ist: Es ist in unserem Interesse, Argumenten zugänglich zu sein. Andererseits: Quantität ist noch kein Ersatz für Qualität. Man kann nicht einfach sagen, wir würden zu wenig proben. Genauso könnten wir die Proben unter die Lupe nehmen. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als das Gefühl unserer Leute, dass nur geprobt wird, weil noch Zeit vorgesehen ist. Das ist kontraproduktiv. Quantität alleine kann es nicht sein. Unser Ziel ist natürlich, dass wir viele Dirigenten unserer Abokonzerte auch in der Oper holen. Da ist Dominique Meyer ein Partner."

Einer, der bei seinen Staatsopernplänen bereits fixierte philharmonische Tourneen berücksichtigen muss. "Hätten wir gewartet, hätten wir jetzt Probleme, nicht nur mit Dirigenten, auch mit Veranstaltern. Konzerthallen sind lange im Voraus ausgebucht, das vergisst man." Welche Probleme auch immer, eine Vergrößerung des Orchesters würde nicht helfen, so Hellsberg. "Ein Teil unseres Erfolges erwächst aus dem intensiven Zusammenspiel der einzelnen Musiker in den einzelnen Gruppen. Bei einer Vergrößerung würde das leiden." (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.06.2007)

  • Zufrieden: Clemens Hellsberg
    foto: standard/corn

    Zufrieden: Clemens Hellsberg

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